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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


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Welt und Heimat
Die Selbsttäuschung wird noch etwas klarer dargelegt,
und nebenbei wird von unserer wahren Heimat gehandelt.
Dabei geht es auch um die Bosheit der Menschen,
die Schadenfreude empfinden,
wenn das Unglück sie nicht selbst betrifft.


Daher soll die Sache ‘Selbstbetrug’ vor dir als Richter und
deinem Gerichtsstand verhandelt werden - aber so, wie es
in alter Zeit üblich war, als sich dazu der Vorhang vor der Rich-
terbühne hob. Offenbar fürchtest du zurzeit den Krieg. Du hast
Angst. Warum? Wegen Pest und Verderben, die mit dem Krieg
einhergehen. Wen geht die Pest an? Im Moment jedenfalls trifft
es noch andere, aber jederzeit kann es auch dich erwischen.
Schau dir den eigentlichen Grund deines Schmerzes an (falls du
die Wahrheit ohne Folter eingestehen willst). Wenn bei jeman-
dem der Blitz einschlägt, erzittern auch die, die in der Nähe ste-
hen. So geht es auch bei den großen Schicksalsschlägen, die
scheinbar alle angehen: Der Tod ereilt wenige, die Furcht aber
packt sie alle. Nimmst du diese, beseitigst du mit einem Mal den
ganzen Schmerz.
Sieh, wenn in Afrika oder Indien ein Krieg tobt, lässt dich das
kalt. Du bist ja außerhalb der Gefahrenzone. Herrscht aber Krieg
in Belgien, dann jammerst und schreist du, schlägst dir gegen
Stirn und Schenkel. Wenn du aber das öffentliche Übel an sich
beweinst, wo bitte ist dann der Unterschied?
‘Aber das ist doch nicht meine Heimat’, wirst du entgegnen.
Dummkopf, sind etwa die Menschen dort nicht vom selben
Stamm, von derselben Saat wie du? Leben sie nicht unter dem-
selben Himmelsgewölbe, auf demselben Erdball? Meinst du et-
wa, das bisschen, das die Berge hier umfassen, die Flüsse da be-
grenzen, sei unser Vaterland? Du irrst, der gesamte Erdkreis ist
unsere Heimat, wo immer Menschen von göttlicher Abstam-
mung leben. Trefflich antwortete einst Sokrates, als man ihn
fragte, was für ein Landsmann er sei: ‘Ich bin ein Weltbürger’.1
Ein Mensch von großherziger Gesinnung und Geistesstärke2
schließt sich nicht in die engen Grenzen ein, die von der trügeri-
schen Einbildung gesetzt werden, sondern betrachtet und er-
kennt die ganze Welt als die seine.
Wir haben doch schon Narren gesehen und nur noch gelacht.
Die band ihr Herr und Meister mit einem Knoten aus Stroh oder
dünnem Faden. Und da standen sie nun, als wären sie in Eisen
gelegt und tatsächlich gefesselt. Vergleichbar ist unsere Ver-
rücktheit: Wir fesseln uns mit dem dünnen Band der Einbildung
an einen bestimmten Flecken Erde.
Aber ich will die harte Kost mal beiseite lassen, denn ich fürch-
te, du kannst sie noch nicht verdauen. Deshalb folgendes Bei-
spiel:

1 „... Socrates interroganti, cuiatem se ferret? Mundanum respondit.“ Zu Kosmopolis
und Sokrates s. Weisheit S. 181ff. und Anm. 22.
2 „Magnus enim erectusque animus“. Dahinter stehen die stoischen Begriffe
„magnanimitas“ und im folgenden „kosmopolis“.




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Schadenfreude
Würde Gott dir zusichern, dass in diesem Krieg deine Felder
unversehrt, Haus und Vermögen erhalten blieben, dich selbst
würde er auf einen hohen Berg platzieren - umhüllt von einem
homerischen Schleier. Würdest du auch dann noch leiden?
Ich wage zwar nicht, solches von dir zu behaupten, aber man-
chen mag es da geben, der sogar noch Freude dabei empfinden
wird und sich ergötzt an all dem Gemetzel und Morden. Du
winkst ab? Du wunderst dich? Es gibt eine Boshaftigkeit tief im
Menschlichen, so dass mancher, wie der alte Dichter sagt, Freu-
de empfindet am Schaden der anderen.3 Wir sind wie manches
Obst, das vom Geschmack her süß und doch wieder sauer ist,
wenn es um fremde Sorgen geht, während wir in Sicherheit sind.
Stell jemanden an irgendein Ufer des Meeres. Der beobachtet da
einen Schiffbruch. Er wird betroffen sein. Sicher. Aber er wird
eher ein Prickeln als einen beißenden Schmerz empfinden. Denn
er schaut ja fremde Abenteuer, ohne selbst in Gefahr zu sein.
Und dann setz denselben mal in das von den Wogen gebeutelte
Schiff. Dann wird er sicherlich einen anderen Schmerz erleiden.
Bei allem, was wir tun und sagen, es ist immer dasselbe: Unser
eigenes Unglück beweinen wir aufrichtig und von Herzen, das
öffentliche aber nur zum Schein und weil’s so Brauch ist.
Deshalb, mein Lipsius, leg doch endlich dieses theatralische
Gebaren ab und pack deine Requisiten zusammen.4 Wenn du
dann all deinem Selbstbetrug abgeschworen hast, zeige uns,
woran du wirklich leidest.“

3 Horaz, serm. II 3.72, s. Weisheit S. 67, Anm. 6.
4 „aulaeum hoc scaenicum ... remove ... siparium complica“.