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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.7.C 1.7.27



























Zwei Gegner der
Constantia
Zwei Anfeindungen können die Constantia verunsichern:
Äußere Güter und Übel.
Letztere sind unterteilt in öffentliche und private Mala,
von denen wiederum die ersteren die gefährlichsten darzustellen scheinen.


Da Langius dies schärfer und ernster, als er es sonst zu tun
pflegte, gesagt hatte, ergriff auch mich ein Funke des gu-
ten
Feuers der Weisheit. „Mein Vater“, sprach ich, „(und so nenne
ich dich aufrichtig) führe mich, wohin du willst, und lehre mich,
weise mich zurecht und leite mich. Du hast in mir einen Kran-
ken, der für jede Medizin bereit ist, sei es, dass du an Eisen
denkst oder an Feuer.“ „Wohl beides gleichermaßen“, antworte-
te Langius. „Denn zum einen muss ich dir die Stoppeln deiner
grundlosen Wahnvorstellungen ausbrennen, dann wieder die
Stämme deiner Affekte mit der Wurzel heraushauen.1
Aber sollen wir noch weiter herumgehen, oder ist es besser und
dir angenehmer, jetzt zu sitzen?“ „Lass uns sitzen“, bat ich,
„denn mir wird ohnehin schon ganz heiß.“ Langius ließ Stühle
bringen und in das Atrium stellen. Ich setzte mich ganz in seine
Nähe, und er begann mir zugewandt aufs Neue seine Ausfüh-
rungen:
„Bis jetzt, Lipsius, habe ich lediglich das Fundament gelegt, auf
dem ich leicht und sicher meine weitere Rede aufbauen werde.2
Jetzt gehe ich, wenn es dir recht ist, der Sache auf den Grund
und erforsche die Ursachen deines Leidens. Ich werde, wie man
sagt, die Hand auf deine Wunde legen. Zwei Gegner rennen
gegen unsere innere Festung der Constantia an: vermeintliche
Güter und scheinbare Übel.
Beide bezeichne ich so, weil sie nicht wirklich in uns, sondern
um uns herum sind und da sie dem inneren Menschen, dem
Geist und Verstand, tatsächlich weder nützen noch schaden.3
Daher behaupte ich, dass sie, von der Sache her und mit Logik
betrachtet, überhaupt keine Güter oder Übel sind, sondern viel-
mehr der Einbildung entstammen sowie einer irrigen landläu-
figen Auffassung. Zur ersten Gruppe zählen: Reichtum, öffentli-
che Anerkennung und Ehrbezeigung, Macht, Gesundheit und
langes Leben. Zur zweiten: Not und Armut, Schmach und
Schande, Ohnmacht, Krankheit und Tod - mit einem Wort - alles
andere, das zufällig

1 „... stirpes adfectuum excidendae ab radice sunt.“
2 Wörtlicher: „... meine weitere Rede aufgebaut sein könnte.“
3 Die sich hier anschließende differenzierende Betrachtung macht das 7. Kapitel zu
einem von Grund auf stoischen. Vgl. hierzu auch Weisheit S. 62ff.




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Vier Hauptaffekte
















Öffentliche und
private Übel
und äußerlich ist.
Aus dieser verruchten zweifachen Wurzel entstehen in uns die
vier Hauptaffekte, die das ganze menschliche Leben bestimmen
und zerstören: Begierde und maßlose Freude sowie Furcht und
Kummer.4 Von denen richten sich die beiden ersteren auf ein
vermeintliches Gut. Von diesem rühren sie auch her. Die beiden
letzteren blicken auf ein entsprechendes Übel. Sie alle schädigen
und verwirren den Geist, und wenn du dich nicht vorsiehst, wer-
fen sie ihn aus seinem ausgewogenen Zustand, und das nicht nur
auf eine Weise.
Gemütsruhe und Beständigkeit des Geistes sind mit einer ausge-
glichenen Waage vergleichbar. Die Affekte nun stoßen den
Geist aus diesem Gleichgewicht, jene, indem sie ihn über das
Maß emporheben, diese, indem sie ihn niederdrücken. Jedoch
das scheinbar Gute und besagte Erhebung des Gemüts lasse ich
jetzt einmal außen vor. Sie machen nicht deinen Krankheitszu-
stand aus. Ich komme also zu den scheinbaren Übeln, und die
treten wiederum in zweifacher Hinsicht auf.
Es gibt nämlich öffentliche und private.
Das öffentliche Übel definiere ich folgendermaßen: Das Emp-
finden und Wahrnehmen desselben erstreckt sich zu ein und der-
selben Zeitspanne auf mehrere Menschen. Dagegen betrifft das
private Einzelpersonen.
Zu jenem rechne ich: Krieg, Pest, Hungersnot, Tyrannei und
Massenmord und was sonst den Staat und das Gemeinwohl an-
geht. Zu diesem zähle ich: Schmerz, Armut, persönliche
Schmach, Tod und was wir auf einen einzelnen Haushalt oder
Menschen begrenzt betrachten. Es erscheint mir nicht als Haar-
spalterei, hier grundlegend zu unterscheiden. In der Tat trauert
derjenige auf andere Weise und mit anderem Empfinden, der die
Niederlage des Vaterlandes, die Verbannung und den Untergang
vieler betrauert, als der, der nur sein Einzelschicksal bejammert.
Hinzu kommt, dass jeweils verschiedene Krankheitszustände
aus den genannten Unglücken resultieren. Aber, wenn ich mich
nicht täusche, die schwerwiegenderen aus den erstgenannten -
mit Sicherheit die hartnäckigsten.
Denn den öffentlichen Übeln sind die meisten von uns ausge-
setzt, sei es, dass sie mit Gewalt und in Massen hereinbrechen
und den, der widerstehen will, mit voller Wucht überfahren; sei
es mehr noch, dass sie uns mit einem gewissen Ehrgeiz schmei-
chelnd umgarnen und wir oft nicht merken, ja gar nicht wahr-
nehmen, dass aus ihnen heraus in unserem Geist eine Krankheit
entsteht.
Schau, wenn einer an einem privaten Unglück leidet, ist es
zwangsläufig, dass er sein Gebrechen und seine Schwäche zu-
gibt. (Wie wollte er sie auch beschönigen?)5
Nun aber komme ich zu dem, der sich keineswegs sein Unheil
eingesteht, der vielmehr damit prahlt und es sich zum Lobe an-
rechnet. Man spricht nämlich landläufig gern von Vaterlandslie-
be und Mitleid.6 Und wie schnell wird dieses öffentliche Fieber
zur Charakterstärke gerechnet oder gar in göttliche Gefilde er-
hoben? Die Dichter und Rhetoren loben es ausnahmslos und
drängen geradezu zu einer glühenden Liebe zur Heimat.
Nun will ich diese nicht völlig verteufeln, aber ich bin doch ent-
schieden der Ansicht, dass sie gemäßigt und unter die Führung
der Vernunft gestellt werden muss.

4 „Cupiditas et Gaudium, Metus et Dolor“, s. Weisheit S. 58f.
5 „quae enim defensio?“
6 „Pietas ... et Miseratio“. Viritius übersetzt hier „pietas“ noch mit Frömmigkeit. Die
religiöse Eingrenzung ist an dieser Stelle allerdings irreführend und Lipsius’ Intention
entgegengesetzt. S. Weisheit S. 69ff. (und 76ff. zur „pietas“ in den POLITICA, in
letzteren ist „pietas“ ganz auf die Religion beschränkt).




1.7.C 1.7.29
Denn tatsächlich handelt es sich bei der Vaterlandsliebe um ein
Laster, eine Unbotmäßigkeit, die der herausragenden Stellung
des Geistes unangemessen ist. Andererseits ist sie eine schwere
Krankheit: In dieser Liebe steckt nicht nur ein einziger Schmerz,
sondern dein eigener und damit verbunden ein auf Fremdes ab-
zielender. Letzterer ist ebenfalls zweifach zu sehen - einmal
richtet er sich auf die Menschen, zum anderen auf das Land.
Damit du ein Beispiel für das hast, was ich scheinbar so spitz-
findig vortrage, schau dir doch dein Belgien7 an: Dein Land wird
derzeit nicht nur von einem Ungemach heimgesucht. Überall ist
es von der Flamme des Bürgerkrieges umgeben. du siehst allent-
halben, wie Landschaften verwüstet und geplündert, Städte ge-
brandschatzt und zerstört, Menschen ihrer Freiheit beraubt und
gemordet werden. Frauen werden geschändet, die Zahl der Jung-
frauen schwindet und was sonst der Krieg so mit sich bringt.
Daraus soll dir kein Schmerz erwachsen? Doch, mit Sicherheit,
aber ein vielschichtiger, wenn du es genau betrachtest. Denn zu-
gleich beweinst du dich selbst, deine Mitbürger wie auch deine
Heimat. Was dich angeht, trauerst du um persönlichen Schaden
und Verlust, bei deinen Mitbürgern beweinst du Tod und Ver-
derben, bei deinem Land die Zerstörung und Vernichtung der
bestehenden Verhältnisse und damit des Wohlstands. Hier rufst
du: ‘Oh, ich Elender, Armer’; dort: ‘So viele, meine Landsleute,
seid ihr Unheil und Tod durch feindliche Hand entgegenge-
strebt’; schließlich jammerst du ‘Oh Vater, Oh Vaterland.’8
Wen dies alles kalt lässt und wen die Schärfe und Masse all die-
ser losbrechenden Übel nicht anficht, der muss entweder sehr
nüchtern und weise oder sehr hartherzig sein.

7 „Belgica“. Lipsius gilt als der erste, der für seinen Teil der Niederlande den Begriff
„Belgien“ eingeführt hat. Vgl. Raymon Denayer, Vorwort zu J. Lipsius, De Vita Sua, S. 2.
8 Vgl. Cic. Tus. 3.44.