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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.6.C 1.6.26
Das Lob der Constantia,
verbunden mit einer ernsthaften Ermahnung,
sie zu erstreben.


Wie du siehst, Lipsius, ist der ständige Begleiter der Einbil-
dung der Wankelmut; dagegen folgt der Vernunft die
Geistesstärke. Ich rate dir mit aufrichtigem Ernst, deinen Geist
mit ihr zu kleiden. Was schlägst du dich mit nichtigen und äu-
ßerlichen Dingen herum? Die Constantia ist die einzige Helena,
die dir das wahre und wirkliche Nepenthes1 vor Augen stellt, in
dem du aller Sorgen und Schmerzen ledig sein wirst. Wenn du
dir dieses einmal so richtig angeeignet und einverleibt hast, wirst
du über den Dingen stehen und aufrecht gegen jeden dummen
Zufall gewappnet sein. Für immer wirst du ausgeglichen sein,
nicht wie auf einer Waage auf- und abschweben. Du wirst dir je-
ne Größe sichern, die dem Göttlichen am nächsten kommt: näm-
lich durch nichts, aber auch gar nichts aus der Ruhe gebracht zu
werden. Hast du nicht jene hoch geistvolle und beneidenswerte
Losung gesehen, die einige Könige heutzutage zu ihrer Lebens-
regel gemacht und in ihr Wappen aufgenommen haben:2 ‘Weder
durch Versprechungen noch durch Drohungen’?
3 Auch für dich
trifft zu: Der ist wahrhaft ein König, wahrhaft frei, der allein
Gott Untertan ist und völlig frei vom Joch der Affekte und der
schicksalhaften Umstände.
Es heißt, bestimmte Flüsse finden ihren Weg mitten durchs
Meer, ohne jedoch die wesentlichen Eigenschaften ihres Was-
sers zu verlieren. Ebenso wirst du durch die Unruhen kommen,
die dich umgeben, ohne irgendwelches Salz aus diesem Meer
der Trübsal zu ziehen.
Du liegst am Boden? Die Constantia wird dich wieder aufrich-
ten! Du wankst? Sie wird dich stützen! Die Constantia wird dich
stärken und von der Schwelle zum Tod wegführen! Zieh dich
nur am eigenen Schopf aus dem Übel und richte dich auf, und
lenke dein Schiff in den Hafen, wo Geborgenheit und Friede zu
Hause sind. Dort ist deine Zuflucht, dein Asyl von allen Wirren
und Sorgen.

1 Nepenthes (nhpenqhs = ohne Trauer, leidstillend)
2 „in scitis et scutis“ - etwa: „in ihren Beschlüssen und Schilden“.
3 „Nec spe nec metu“, „spe“, Versprechungen als Gegenstände der Hoffnung, „metu“,
Drohungen als solche der Furcht.




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Wenn du diesen Punkt einmal voll Vertrauen erreicht hast, dann
mag dein Vaterland nicht bloß von Unruhen heimgesucht sein,
es kann sogar in sich zusammenfallen, du selbst wirst dennoch
unerschütterlich fest stehen. Regenschauer mögen um dich her-
um prasseln, Blitze zucken und Donner grollen; Du wirst mit
aufrichtiger und lauter Stimme rufen: Inmitten aller Wogen bin
ich ruhig und gefaßt.“4

4 Vgl. Weisheit, S. 18 und Anm. 28.