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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.5.C 1.5.24









































Recta Ratio
Woher Vernunft und Einbildung ihren Ursprung haben.
Beider Kraft und Wirkung.
Die eine führt zur Geistesstärke,
die andere zum Wankelmut.


Da nun aus diesem doppelten Haupt (ich meine Einbildung
und Vernunft) nicht nur Stärke oder Schwäche des Geistes
entsteht, sondern alles, was wir in unserem Leben an Lob emp-
fangen oder an Schuld auf uns laden, scheint es mir sinnvoll und
nützlich, wenn ich über Ursprung und Wesen beider Aspekte ein
wenig ausführlicher spreche.
Denn wie Wolle zuerst mit bestimmten anderen Flüssigkeiten
vorbehandelt und getränkt werden muss, ehe sie ihre letzte und
schönste Farbe einsaugt, so muss auch dein Geist mit dieser Ein-
leitung vorbereitet werden, bevor ich ihn ernsthaft mit dem Pur-
pur der Constantia färben werde.
Also - du weißt, es gibt im Menschen zwei Teile: die Seele und
den Körper.1 Jene ist edler, weil sie Ebenbild von himmlischem
Geist und Feuer ist. Dieser ist unbedeutender, weil er die Erde
widerspiegelt.
Beide sind zwar miteinander verbunden, aber in einer gewissen
zwieträchtigen Harmonie - wie Feuer und Wasser. Sie können
sich nur schwer einigen, besonders, wenn es um Befehl und Ge-
horsam geht. Denn herrschen wollen beide, erst recht der Teil,
dem es nicht zukommt. Die Erde versucht, sich über ihr Feuer,
der Schmutz sich über den Himmel zu erheben.
Von daher entstehen im Menschen Zwietracht und Unruhe so-
wie ein beharrlicher Kampf dieser miteinander in Zank und
Streit liegenden Teile. Die Anführer und - sozusagen - Feldher-
ren derselben sind Vernunft und Einbildung. Jene kämpft für die
Seele und in ihr, diese streitet für den Körper und in ihm.
Die Vernunft stammt also vom Himmel, ja sogar von Gott ab.
Seneca hat sie auf großartige Weise feierlich gewürdigt: „Die
Vernunft ist der Teil des göttlichen Geistes, der in den Menschen
hinein versenkt ist“.
2 Denn sie ist die besondere Kraft der Ein-
sichtsfähigkeit und des Urteilsvermögens. Wie die Seele eine
Vervollkommnung des Menschen darstellt, so ist die Vernunft
dies für die Seele. Die Griechen haben sie „nous“ genannt, die
Lateiner „mens“3 oder auch - zusammen mit dem weiteren Be
griff für „Seele, Geist, Verstand“ - als „mens animi“ bezeichnet.
Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Nicht die ganze Seele
ist von der vollkommen richtigen Vernunft erfüllt, sondern nur
das in ihr, was einförmig, einfach, unvermischt und von allem
Dreck abgeschieden ist - um es mit einem Wort zu sagen, das
Sternenhelle und Himmlische der Seele. Denn obwohl die Seele
selbst durch den Sündenfall des Körpers und den schlechten Ein-
fluss der Sinne schwer entstellt und befleckt ist, so behält sie
dennoch in ihrem Kern die Spuren ihres Ursprungs, und hell
leuchten ihr die übrig gebliebenen Funken ihres vornehmsten
und reinen Feuers.

1 S. dazu Weisheit S. 50ff.
2 Sen. ep. 66.12, s. Weisheit S. 52 , Anm. 14.
3 So und natürlich „ratio“ (Anm. des Übersetzers).




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Constantia
und Virtus


Ratio











Opinio
Daher gibt es auch bei bösen und verachtenswerten Menschen
die Stacheln des Gewissens; daher stammt die innere Geißel der
Gewissensbisse; daher kommt die Anerkennung eines besser ge-
führten Lebens, die den Übeltätern gegen ihren Willen abgenö-
tigt wird.
Der verständigere und heiligere Teil der Seele kann zwar unter-
drückt, aber nicht erstickt werden, die lodernde Flamme kann
verdeckt, aber nicht ausgelöscht werden. Denn die Funken glän-
zen und glitzern immer wieder hervor, sie erleuchten unsere
Finsternis, sie reinigen die Kloaken unseres unzufriedenen Le-
bens, sie zeigen uns den rechten Weg und führen uns zu Geistes-
stärke und
charakterlicher Tüchtigkeit. Wie der Vanillestrauch - oder
Heliotrop - und einige andere Pflanzen gemäß ihrer Naturanlage
immer der Sonne zugewendet sind, so richtet sich die Vernunft
immer auf ihren Ursprung: Gott.
Sie ist fest und unerschütterlich im Guten, sie denkt immer ein
und dasselbe, entweder strebt sie ein bestimmtes Ziel an oder
flieht es.4 Die Vernunft ist der Quell der richtigen Einsicht und
des richtigen Urteils. Ihr zu gehorchen bedeutet herrschen, sich
ihr zu unterwerfen heißt, allen menschlichen Angelegenheiten
überlegen zu sein. Jeder, der ihr gehorcht, hat seine Begierden
und übermütigen Gemütsregungen im Griff. Jeder wandelt si-
cher in allen Labyrinthen des Lebens, der der Ratio folgt wie
Theseus dem Faden der Ariadne.5 Gott selbst kommt durch die
Vernunft, seinem Abbild, zu uns, vielmehr noch, was wesentlich
ist, in uns hinein. Und jener, wer immer es auch sagte, hatte
recht: „Ohne Gott gibt es keine gute Gesinnung.“6
Der folgende und ungesunde Teil hingegen (hier meine ich jetzt
die Einbildung) verdankt seinen Ursprung dem Körperlichen,
d.h. dem Irdischen; deshalb kennt und versteht er auch nur die-
ses. Der Körper an sich ist unbeweglich und empfindungslos.
Doch er erhält Leben und Bewegung von der Seele, und umgekehrt
liefert er der Seele durch das Fenster der Sinne die Bilder
der weltlichen Dinge.7
So gibt es eine gewisse Gemeinschaft und Allianz zwischen See-
le und Körper. Es handelt sich dabei aber um eine Verbindung,
die, wenn du dir das Resultat anschaust, der Seele nicht sonder-
lich zuträglich ist. Denn sie wird durch die Vereinigung mit dem
Körper allmählich ihrer Würde beraubt, den Sinnen preisgege-
ben und mit diesen vermischt. Aus dieser unreinen Verbindung
nun entsteht in uns die Einbildung, die nichts anderes als das
nichtige Abbild und der trügerische Schatten der Vernunft ist.
Sie wohnt in den Sinnen, aber sie entstammt dem Irdischen, des-
halb ist sie verächtlich und wertlos, sie richtet sich nicht in die
Höhe, sie wächst nicht empor, sie schaut nichts Erhabenes oder
Himmlisches. Sie ist eitel, unsicher und trügerisch; sie ist ein
schlechter Ratgeber und urteilt unsachgemäß. Vor allem beraubt
sie den Geist der Stärke, Standhaftigkeit und Wahrheit. Die Ein-
bildung begehrt heute dies, morgen verwirft sie es, sie billigt
bald das, dann verflucht sie es wieder. Nichts gestattet sie dem
verständigen Urteilsvermögen, sondern überlässt alles dem
Körper und den Sinnen. Und wie das Auge, das durch Nebel
oder Wasser schaut, die Dinge falsch einschätzt, so irrt der
Geist, der durch den Schleier der Opinio blickt.8

4 S. Weisheit S. 53.
5 S. Plutarch, Parallelviten „Theseus und Romulus“, vgl. Homer, Odyssee XI 321-325 u.a.
6 Sen. ep. 73.16, vgl. Sen. ep. 41.2 und Weisheit S. 54 u. dort Anm. 19.
7 S. Weiheit S. 54, Anm. 21 zum Wechselspiel von Körper und Seele.
8 S. Weisheit S. 56 und Anm. 25.




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Die Einbildung ist, wenn du sorgfältig überlegst, die Mutter aller
menschlichen Übel, sie ist Anlass eines verstörten und verwirr-
ten Lebens, das uns aus der Fassung geraten lässt. Welche Sor-
gen uns auch quälen - sie stammen von ihr; ob Affekte uns hier-
hin und dann dorthin ziehen - sie ist schuld; ob Laster uns be-
errschen - rührt von ihr her.
Wenn man die Tyrannis, unter der man gelitten hat, aus der
Stadt vertreiben will, nimmt man zuallererst die Schaltzentrale
der Macht ein und vernichtet sie. Daher müssen auch wir, wenn
wir ernsthaft zu einer wirklich guten Gesinnung kommen wol-
len, die Trutzburg der Einbildung niederreißen. Denn mit ihr
werden wir ansonsten stets im Ungewissen treiben - weinerlich
klagend oder innerlich aufgewühlt - aber weder mit Gott noch
der Welt zufrieden. Wie einem völlig leeren Schiff, das auf ho-
her See vom Wind hin und her geworfen wird, so geht es uns
mit einem unbeständigen Geist, den nicht das Gewicht und da-
mit der Ballast der Vernunft stabilisiert.