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Seite (im Original): C 1.4.22 | C 1.4.23 |


Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.4.C 1.4.22
Die Begriffsbestimmungen von Geistestärke (Constantia),
Duldsamkeit (Patientia), Weisheit (Recta Ratio) und Meinung (Opinio).1
Ebenso werden die Halsstarrigkeit (Pervicacia) im Unterschied zur Constantia
und die Mutlosigkeit im Gegensatz zur Patientia untersucht.


Durch diese Worte des Langius wurde ich etwas mutiger.
„Deine Ermahnung ist erhaben und vorzüglich“, erwiderte
ich, „schon versuche ich, fest zu stehen und mich aufzurichten -
aber eher wie die, die sich im Traum vergeblich abmühen, ein
bestimmtes Ziel zu erreichen.
Ich will dir nichts vormachen, Langius, ich werde immer wieder
zu Boden geworfen. Die Sorgen - ob politisch motiviert oder
privat - sitzen fest in meinem Herzen. Wenn du es kannst, ver-
scheuche die bösen Vögel, die mich zerfleischen und nimm mir
die Fesseln des Kummers ab, mit denen ich seit langem an die-
sen Kaukasus gebunden bin.“2

1 Zu den philosophischen Dimensionen der Begriffe s. Weisheit S. 17f., S. 176ff., S. 184ff.
2 Aischylos, Der gefesselte Prometheus. Hesiod, Theogonie 507-616; Erga 47-105 u.a.




1.4.C 1.4.23




Def. Constantia






Pervicacia












Patienta
















Recta Ratio


Opinio
Darauf antwortete Langius mit freudiger Miene: „In der Tat, ich
werde diese Fesseln wegnehmen. Als neuer Herkules werde ich
diesen Prometheus hier von seinen Qualen erlösen. Höre nur zu
und sei aufmerksam.
Constantia oder Geistesstärke nenne ich hier die rechte und un-
erschütterliche Kraft des menschlichen Geistes. Sie verhindert,
dass er von äußerlichen und zufälligen Dingen zur Überheblich-
keit verleitet oder in die Depression gestürzt wird. Ich sagte
Kraft und verstehe darunter eine Festigkeit in Geist und Herz,
die nicht von der blinden Meinung, sondern von gesundem
Urteilsvermögen und weiser Vernunft herrührt.
Ich möchte vor allem die Halsstarrigkeit (besser nennt man diese
noch Starrsinn) davon unterschieden wissen. Diese ist zwar auch
die Stärke eines entschlossenen Geistes, aber getragen vom Win-
de des Hochmuts und der Sucht nach Ruhm. Und Kraft ist sie
höchstens zu einem geringen Teil: Die aufgeblasenen Starrköpfe
können zwar nicht leicht geduckt, aber sehr leicht ermutigt wer-
den. Sie verhalten sich nicht anders als ein Ledersack, der, wenn
er vom Wind aufgeblasen wird, nur mit Mühe unter Wasser ge-
taucht werden kann. Ein solcher Ballon drängt an die Oberfläche
und springt aus eigenem Antrieb hervor. So ist die prahlerische
Härte dieser Typen, die sich dauernd überschätzen. Diese Hal-
tung hat ihren Ursprung in der Hoffart und damit in einer dümm-
lichen Fehleinschätzung.
Die wahre Mutter der Constantia ist nun die Duldsamkeit und
Demut des Herzens.3 Diese definiere ich als das freiwillige und
klaglose Ertragen aller möglichen Dinge, die dem Menschen wi-
derfahren und zustoßen.
Auf der Grundlage des richtigen Vernunftgebrauchs ist das jene
eine Wurzel, auf die die Erhabenheit der edlen Kraft der Con-
stantia
gründet.
Doch sieh dich vor, dass dich die Einbildung nicht auch hierbei
hinters Licht führt. Diese suggeriert oft anstelle der Duldsamkeit
die Mutlosigkeit und Passivität eines kraftlosen Geistes. Dabei
handelt es sich wahrhaftig um ein Laster,4 das seinen Ursprung
in mangelndem Selbstbewusstsein hat. Die Virtus - die charak-
terliche Vortrefflichkeit und Tauglichkeit - aber geht den Weg
der Mitte.5 Vorsichtig hütet sie sich davor, dass sie in ihren
Handlungen unter- oder übertreibt. Die Virtus richtet sich allein
nach der Waagschale der einen Vernunft. Jene hat sie als Richt-
schnur ihrer Prüfung und als Feuerprobe.
Die weise Vernunft ist aber nichts anderes als das wahre Urteil
und die verständnisvolle Einsicht in die menschlichen und gött-
lichen Dinge (insoweit letztere uns betreffen).
Die blinde Meinung oder Einbildung ist dem genau entgegenge-
setzt: ein unsicheres und trügerisches Urteil über eben dieselben
Dinge.

3 „Demissio animi“ kann hier aus logischen Gründen nicht mit einer Form der Nieder-
geschlagenheit wiedergegeben werden.
4 „Vitium“, s. dazu Weisheit S. 48ff.
5 Nach der Mesotes-Lehre des Aristoteles, s. Weisheit S. 186.