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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.3.C 1.3.21
Die wahren Geisteskrankheiten1 werden
durch das Reisen nicht beseitigt und gemildert, sondern brechen erst richtig auf.
Es ist der Geist, der in uns erkrankt ist.
Sein Heilmittel muss in der Weisheit und Geistesstärke gesucht werden.


Das Umherreisen, sagst du, lenkt dich also nicht von den
wahren Übeln ab? Der Anblick der Felder, der Flüsse und
Berge verdrängt nicht das Empfinden deines Schmerzes? Viel-
leicht gibt es zuweilen Ablenkung, aber nicht lange - und nicht
zum Guten. So wie ein Gemälde, und sei es noch so herausra-
gend, die Augen nur kurz erfreut, packt uns zwar die ganze leidi-
ge Abwechslung von Menschen und Orten aufgrund ihres
Neuigkeitsgehaltes, aber nur für eine kurze Zeitspanne.
Es handelt sich hierbei lediglich um eine Abschweifung von den
Übeln, nicht um eine Rettung. Das Reisen löst die Kette der
Trübsal nicht auf, es macht sie durch Auflockerung nur weiter.
Was nützt es mir, wenn ich zunächst ein wenig Licht erblicke,
mich bald aber in einem finsteren Kerker wiederfinde?
Tatsache ist: Alle äußeren Begierden und Bestrebungen stellen
dem Geist mit Tücke und List Fallen auf, sie geben sich nach
außen den Anschein zu helfen und schaden dabei umso mehr.
Ein Medikament, das zu schwach ist, entzieht ja auch schädliche
Feuchtigkeit nicht, sondern stimuliert sie. So reizt und vermehrt
in uns die fruchtlose, inhaltsleere Freude die Flut immer neuer
Wünsche und Begierden.
Denn der Geist entkommt seiner selbst nicht lange, sondern wird
gegen seinen Willen nach Hause getrieben - in die alte Gemein-
schaft seiner Übel und Drangsal. Der Anblick der fremden Städ-
te und Berge wird dich mit deiner Vorstellungskraft in dein Va-
terland zurückführen, und inmitten aller Freude wirst du etwas
sehen oder hören, das das Gefühl deines Schmerzes wieder auf-
reißt. Du wirst vielleicht ein wenig ausruhen, aber jener Schlaf
wird nur kurz sein, und schon bald, nachdem du erwachst, hast
du dasselbe oder ein noch größeres Fieber. Denn gewisse Be-
gierden wachsen, nachdem sie unterdrückt worden sind, und
kommen selbst nach langer Zeit zu neuen Kräften.
Jag zum Teufel, Lipsius, was nichtig, ja sogar schädlich ist.
Denn das ist keine Arznei, sondern ein Gift. Lass besser das
Wahrhaftige und Harte ein. Du willst auswandern? Ändere lie-
ber deine Weltsicht, die du üblerweise den Affekten verkauft
hast, die du ihrer rechtmäßigen Herrin, der Vernunft, entzogen
hast. Von dieser deiner zerstörten Geisteshaltung rührt deine
Verzweiflung her, von jener kommt auch deine schädliche Ver-
drossenheit. Also musst du deine Haltung ändern, nicht das Land
verlassen. Es kommt nicht darauf an, anderswo, sondern ein an-
derer zu sein.
Du brennst darauf, das fruchtbare Österreich2 zu sehen, das si-
chere und starke Wien, die Königin der Flüsse, die Donau, und

1 „Veros animi morbos“ werden hier streng im stoischen Sinne wiedergegeben, nicht
als Beeinträchtigungen des Gemüts, sondern als Wahnsinn im klinischen Sinne (vgl.
Weisheit, S. 16).
2 „Pannoniam“.




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so viele wunderbare und neue Dinge, die deine Zuhörer dann mit
Spannung in sich aufnehmen.
Aber um wie viel besser wäre es, wenn du mit einem solchen
Eifer zur Weisheit strebtest? Wenn du ihre fruchtbaren Felder
durchzögest? Wenn du die Urgründe menschlicher Verwirrung
untersuchtest? Wenn du so einen gefestigten Schutz errichtetest,
mit dem du den Ansturm der Leidenschaften abwehren und dich
verteidigen könntest? Denn darin liegt das wahre Allheilmittel
deiner Krankheit. Alles andere ist nur ein unzureichender Ver-
band für deine klaffende Wunde. Weglaufen wird dir nichts nüt-
zen.
‘Und hättest du noch so viele Städte Griechenlands hinter dir
gelassen und den Fluchtweg dir mitten durch deine Feinde ge-
bahnt’
,3 du wirst den Gegner bei dir und in diesem Innern (damit
schlug er auf meine Brust) wiederfinden.
Was nützen dir noch so viele befriedete Gebiete? Den Krieg
schleppst du doch mit dir herum. Was bringen dir noch so viele
Ruheplätze? Die Unruhen umgeben dich, mehr noch: Sie sind in
dir. Dein zwieträchtiger Geist ringt und wird immer mit sich rin-
gen. Bald begehrt er auf, dann wieder meidet er fliehend das Er-
strebte, bald hofft er, dann wieder verzweifelt er.
Die, die aus Furcht die Flucht ergreifen, setzen sich gerade da-
durch der Gefahr aus, weil sie ungeschützt sind und dem Feind
den Rücken zuwenden. So handeln Stümper und Anfänger, die
sich nie dem Kampf mit den Affekten gestellt, sondern ihr Heil
ausschließlich in der Flucht gesucht haben.
Aber du, junger Mann, wirst, wenn du auf mich hörst, fest ste-
hen und die Stellung gegen diesen Gegner der inneren Anfeindung4
behaupten. Denn du brauchst vor allem die Constantia,
die Stärke und Standhaftigkeit im Geist. Als Sieger ist noch kei-
ner durch Davonlaufen, sondern nur durch Kampf vom Platz ge-
gangen.“

3 Vergil, Aen. III. 282-283.
4 „dolor“ = Schmerz, Trauer, Trübsal etc. steht hier im allgemeinen für die Auswirkung der
Affekte.