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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


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Das Schicksal als Ausrede für Feigheit und Trägheit.
Verweis auf das Fatum, die mittelbaren Ursachen1 und die Pflicht zu handeln.
Wieweit dem Vaterland zu helfen sei - wieweit sich dieses Engagement verbietet.
Abschluss des 1. Buches und der 1. Rede.


Als Langius hier eine Pause einlegte, ging ich freudig dazwi-
schen: „Wenn jetzt der Wind noch etwas länger von hinten
bläst, scheint mir der Hafen nicht mehr weit. Denn schon wage
ich, Gott zu folgen, wage ich, der Notwendigkeit zu gehorchen,
und ich glaube, mit Euripides sagen zu können: ‘Ich will ihm
lieber ein Opfer darbringen, denn als Sterblicher wider den Sta-
chel zu löcken und gegen Gott zu wüten.’
Aber noch ein wirrer
Gedanke treibt mich um; den, Langius, bringe zur Beruhigung:
Wenn die öffentlichen Plagen vom Fatum herrühren und dieses
nicht überwunden werden kann, warum mühen wir uns dann
noch wegen des Vaterlandes ab, warum sollen wir uns noch für
es einsetzen? Weshalb überlassen wir nicht alles jenem großen
und unüberwindlichen Herrscher und legen selbst, wie man so
schön sagt, die Hände in den Schoß? Denn auch du gibst doch
zu, dass jede Hilfsmaßnahme und jede gedankliche Anstrengung
vergebens ist, wenn die Zeichen des Schicksals ungünstig ste-
hen.“
Daraufhin antwortete Langius mit einem hintergründigen Lä-
cheln: „Mit Starrsinn und Frechheit, junger Freund, kommst du
mir vom rechten Weg ab. Geht es darum, dem Schicksal zu fol-
gen oder es zu verhöhnen und Schindluder damit zu treiben? Du
willst also dasitzen und die Hände in den Schoß legen. Schön,
ich wollte lieber, du würdest den Mund halten. Wer hat dir denn
jemals erzählt, das Fatum wirke einzig und allein, ohne sich der
mittelbaren und helfenden Ursachen zu bedienen?
So mag es dein Schicksal sein, von deiner Frau Kinder ge-
schenkt zu bekommen; doch vorher musst du doch im Garten
deiner Gattin deine Saat ausstreuen. Es mag dir bestimmt sein,
von einer Krankheit zu genesen, doch so, dass du einen Arzt
hinzuziehst und heilende Umschläge anlegst. Ähnlich ist es auch
in diesem Falle: Wenn es das Schicksal vorsieht, dass das vom
Untergang bedrohte Schiff deines Vaterlandes gerettet wird,
dann ist es auch

1 S. o. Kap. 20, S. ??.




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Schicksal, dass du für dieses kämpfst und es verteidigst. Willst
du zum Hafen gelangen, musst du dich in die Riemen legen und
die Segel setzen; da darfst du nicht faul dasitzen und auf Wind
von oben warten. Dagegen: Wenn das Schicksal bestimmt, dass
dein geliebtes Vaterland zugrunde geht, dann geschieht durch
das Fatum natürlich auch das, was den Untergang durch
menschliche Verhaltensweisen begünstigt: Das Volk wird mit
dem Adel streiten und untereinander hadern. Niemand ist bereit
zu gehorchen, keiner in der Lage zu befehlen. Viele werden die
Stärke im Munde führen, aber sich ihrem Handeln nach als faule
Hunde erweisen. Bei Fürsten und Heerführern gibt es schließlich
kein kluges Planen mehr noch Vertrauen.
So hat Velleius2 richtig erkannt: ‘Die unüberwindliche Macht
des Schicksals zerschlägt die Pläne und Vorkehrungen desjeni-
gen, dessen Glück es ins Gegenteil kehren will.’
An anderer
Stelle sagt er: ‘So verhält sich die Sache, dass Gott meistens die
Vorhaben der Menschen verdirbt, wenn er ihr Geschick wenden
will. Was aber das Schlimmste dabei ist, ist die Tatsache, dass
er es schafft, uns das Ereignis als verdiente Strafe erscheinen zu
lassen.’
Und dennoch wirst du nicht sogleich dem Irrtum verfal-
len zu denken, unabwendbare Schicksalsschläge drückten dei-
nem Vaterland die Gurgel zu. Denn woher weißt du das? Und
woher weißt du, ob es sich bloß um eine leichte Erschütterung
handelt oder um eine Krankheit, die zum Tode führt? Also, leis-
te Hilfe, tu was! Wie das alte Sprichwort sagt: Solange der
Kranke noch atmet, hege Hoffnung! Wenn dann aber die Zei-
chen für eine fatale Veränderung hell und klar erkennbar sind,
ist für mich jedenfalls jenes Wort gültig: ‘Gegen Gott zu streiten
lohnt sich nicht.’
Dazu möchte ich das Beispiel Solons aufzei-
gen: Als Peisistratos Athen in seine Gewalt gebracht hatte und
der Weise sah, dass alle Versuche, die Freiheit wiederherzustel-
len, vergeblich waren, da legte er Schwert und Schild vor der
Ekklesia, der Volksversammlung,3 nieder und sagte: ‘Oh, Vaterland,
ich habe dir mit Worten und Taten gedient.’ Danach ging
er nach Hause und lebte fürderhin ruhig und zurückgezogen.
Handele ebenso: Gib Gott nach und den Zeitumständen; und
wenn du ein rechtschaffener Bürger bist, dann halte dich bereit
für bessere und geneigtere Zeiten. Wenn die Freiheit jetzt ver-
geht, so kann sie auch wieder neu erstehen; wenn dein Land in
Schutt und Asche liegt, dann kann es in einer ferneren Zeit auch
wieder auferstehen. Warum verzweifeln und den Mut sinken las-
sen? Von den beiden Konsuln bei Cannae halte ich Varro, der
die Flucht ergriff, für den tapfereren Bürger als Paulus, der in
den Tod ging.4 Nicht anders urteilten Senat und römisches Volk:
Sie dankten Varro in aller Öffentlichkeit, weil er nicht am Heil
der Res publica verzweifelt war.
Im Übrigen: Ob dein Vaterland nur wankt oder ob es fällt, ob es
niedergeht oder ganz und gar untergeht, soll dich nicht anfech-
ten, sondern mache dir die herausragende Gesinnung des Krates
zu Eigen. Der antwortete Alexander auf dessen Frage, ob er wol-
le, dass seine Heimatstadt Theben5 wieder aufgebaut werden sol-
le: ‘Wozu? Vielleicht kommt dann ein anderer Alexander und
reißt sie wieder ein.’
Das sind die Worte eines Weisen, das ist
die Haltung eines Mannes.

2 Die Glosse (n.2) verweist auf Velleius Paterculus (lib. II De Caesare), den Legaten des Tiberius in Germanien und Pannonien.
3 Damit soll Lipsius’ Ausdruck „vor den Toren der Curie“ („ante fores Curiae“) auf Athen übertragen werden, das nach den Solonischen Reformen in der Ekklesia ein Rechts- und Machtzentrum besaß. Zum Vergleich die Übertragung des Viritius (69) „Fur die Thür des Rhathauses“.
4 Die Konsuln Caius Terentius Varro und Aemilius Paulus führten 216 v. Chr. das römische Heer in die legendäre Niederlage bei Cannae gegen die Karthager unter Hannibal.
5 Zerstörung Thebens 335 v. Chr. nach Alexanders Exekutionsfeldzug gegen die rebellierende Stadt.




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‘Gleichwohl werden wir den Schmerz nicht in unserem Herzen
Wohnung finden lassen, wenn wir auch noch so traurig sind.
Denn es entbehrt die bitt’re Trauer jeglichen Sinns.’
Denk an
diese gut gemeinte Mahnung, die bei Homer dem Achill mit auf
den Weg gegeben wird. Denn anderenfalls geht es dir wie dem
Kreon aus den Mythen, der seine brennende Tochter umarmte,
ihr aber damit nicht half, sondern mit ihr zusammen verbrannte:6
Du wirst dich eher selbst vernichten, Lipsius, als mit deinen Trä-
nen dies politische Feuer Belgiens löschen.“
Während Langius noch redete, ertönte von den Türflügeln her
ein lautes Geräusch und ein Junge trat direkt auf uns zu, der von
dem hochberühmten Torrentius geschickt war, um uns an die
Essenszeit zu erinnern.
Langius schreckte regelrecht auf und sprach: „Hat mich denn
mein Gerede über die Zeit hinweggetäuscht, und ist mir der Tag
heimlich entglitten?“ Sogleich erhob er sich und nahm mich bei
der Hand. „Komm, Lipsius,“ ermunterte er mich. „Lass uns zum
Abendessen gehen, mir knurrt schon der Magen.“7 „Ach, lass
uns lieber sitzen bleiben,“ antwortete ich dagegen. „Wichtiger
als alles Schlemmen ist mir die Speise der Götter, wie die Grie-
chen es nennen. Bei solchem Festmahl bin ich stets ein Hunger-
leider und kann nie genug kriegen.“ Doch Langius zog mich
nichtsdestotrotz mit sich und sprach: „Lass uns für jetzt unser
Wort halten! Morgen, wenn du willst, werden wir uns erneut der
Constantia zuwenden.“

Ende des 1. Buches

6 Kreon in der Medea-Jason-Mythologie: Medea räumt mit Hilfe ihrer Zauberkünste die Rivalin Glauke, Kreons Tochter, aus dem Weg. Sie schickt ihr u.a. ein Gewand, das in Flammen aufgeht, als Glauke es anlegt.
7 Die hier anzutreffende Wendung der „cena optata“ läßt bei der oft hart anmutenden stoischen Diktion einmal eine sympathisch menschliche, um nicht zu sagen epikureische Lebensweise durchscheinen.