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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.20.C 1.20.54






















1. Argument: Gott
und Fatum
Vier Argumente zur Unterscheidung
des wahren Schicksalsbegriffes von dem der Stoiker.1
Dabei wird gezeigt, warum das Fatum den freien Willen nicht beeinträchtigt;
ebenso, dass Gott weder Helfershelfer noch gar Urheber des Bösen ist.


Hast du dies nun zur Genüge begriffen, junger Freund? Oder
muss ich dir eine noch hellere Fackel anzünden?“
„Allerdings, Langius, ein viel helleres Licht benötige ich, oder
du lässt mich auf ewig in dunkler Nacht. Denn was sind das für
Haarspaltereien in deinen Unterscheidungen? Was für arglistige
Fallstricke in deinen Fragestellungen? Glaube mir, ich fürchtete
schon einen Hinterhalt. Jedes deiner hochgeistigen Worte kam
mir wie ein Feind vor.“
Langius lächelte mir zu und sprach: „Sei guten Mutes, hier ist
nirgendwo ein Hannibal; du bist in Sicherheit und nicht in einen
Hinterhalt geraten. Ich werde dir Licht geben, aber sage nur, an
welcher Stelle du nicht durchblickst.“
„Da, Langius, wo du von Gewalt und Notwendigkeit handelst.
Denn ich verstehe nicht, wie du deine Auffassung von Fatum
von der der Stoiker abheben willst. Mit Worten und durch die
Vordertür hast du diese wohl ausgeschlossen, tatsächlich
scheinst du sie aber durch die Hintertür wieder einzulassen.“
„Weit gefehlt, Lipsius, weit gefehlt. Nicht einmal im Traum
käme mir der Gedanke, das Fatum nach Art der Stoiker einzu-
führen. Ich will auch nicht die längst vergessenen Hexen - die
Parzen - wieder aufkochen. Ich bevorzuge vielmehr einen gemä-
ßigten und gewissenhaften Schicksalsbegriff, den ich von der ri-
gorosen Lehre der Stoiker durch vier Bestimmungen abgrenze.
Jene unterwerfen Gott dem Schicksal2, und nicht einmal
Jupiter selbst konnte bei Homer seinen Sarpedon aus dessen
Fesseln befreien, so sehr er es auch wollte.3
Wir dagegen stellen Gott über das Schicksal. Denn wir wollen,
dass er alle Dinge völlig frei begründet und voran treibt und,

1 Zur Stellung des Kapitels 20 im Kontext der Constantia sowie dem Versuch einer christlichen Profilierung gegenüber der Stoa s. Weisheit S. 107ff.
2 Siehe dagegen o. S. ?? Kapitel 18.
3 Homer, Ilias 16,431-458.




1.20.C 1.20.55

2. Argument:
Ursachenkette




3. Argument:

Das Mögliche




4. Argument
Der freie Wille
wenn es ihm beliebt, die verwobenen Strömungen oder Windun-
gen des Schicksals überwindet und durchbricht.
Ebenso setzen die Stoiker eine von Ewigkeit her fließende Kette
der natürlichen Ursachen fest. Wir aber denken, dass die Ursa-
chenkette zum einen keinen permanent dauerhaften Bestand hat
(denn Gott hat schon oft aufgrund seiner Wunderzeichen jenseits
aller naturwissenschaftlichen Erklärungsversuche oder sogar
gegen die Naturgesetze gehandelt), zum anderen können die na-
türlichen Ursachen nicht von Ewigkeit her bestehen. Denn sie
sind nachgeordnete Ursachen, und als solche datiert ihr Ur-
sprung mit der Erschaffung der Welt.
Drittens scheint die Stoa den Dingen die Möglichkeit zu neh-
men, sich so oder anders zu entwickeln. Wir geben ihnen diese Frei-
heit zurück.4 Sooft noch nachgeordnete Ursachen solche sind,
die das Mögliche offen halten, muss das Zufällige oder Unvor-
hersehbare den Ereignissen zugestanden werden.
Schließlich, so scheint es, haben die Stoiker doch dem freien
Willen Gewalt angetan; das aber liegt uns fern. Wir setzen zwar
auch das Fatum an, dennoch lassen wir die wichtige Größe der
freien Willensentscheidung zu.5 Denn dass wir dem trügerischen
Wind des blinden Glücksfalls aus dem Weg gehen, bedeutet
nicht, dass unser Schiff an den Felsen der alles beherrschenden
Notwendigkeit stößt. Es gibt ein Fatum? Ja, aber das ist doch
nur die erste Ursache, und diese hebt die nachgeordneten und
mittelbaren Ursachen nicht auf, so dass die erstere nur (in jedem
Fall aber gewöhnlich oder meistens) durch letztere wirkt. Unter
diesen nachgeordneten Ursachen ist aber gerade auch dein freier
Wille. Und glaub’ ja nicht, dass Gott den etwa zwingt oder weg-
nimmt.6
Darin besteht der ganze Irrtum, das ist der Nebel, der die Wahr-
heit verhüllt. Es gibt niemanden, der Kenntnis darüber hat, dass
er gezwungen ist zu wollen, was das Fatum will: Ich sage, wir
wollen aus freien Stücken. Gott, der die Dinge erschaffen hat,
gebraucht diese zwar, aber ohne sie in ihrer Eigentümlichkeit zu
beeinträchtigen oder zu verfälschen.
Der oberste Himmel führt alle unteren Kreisbahnen so mit seiner
eigenen mit, dass er deren eigene Bewegung weder zum Ab-
bruch bringt, noch sonst wie behindert. So handelt auch Gott:
Durch den Anstoß des Schicksals verursacht er alle menschli-
chen Dinge, aber ihre spezielle Kraft und Bewegungsfreiheit
nimmt er nicht weg. Wollte er, dass Bäume und Früchte wach-
sen? So wachsen sie ohne jede gewaltsame Beeinflussung ge-
mäß ihrer natürlichen Veranlagung. Und wollte er, dass die
Menschen abwägen und auswählen? So tun sie es ohne Gewalt,
kraft ihres freien Willens. Dennoch hat Gott das, was erwählt
werden sollte, von Ewigkeit her gesehen; aber gesehen hat er’s,
nicht erzwungen; gewusst hat er’s, nicht verordnet; er hat es
vorausgesagt, nicht vorgeschrieben.
Weshalb wanken und taumeln hier unsere wissbegierigen Küm-
merlinge? Diese erbärmlichen Wichte! Kein anderer Umstand
mag mir in hellerem Licht erscheinen; außer dass der nimmer
zufriedene Geist sich immer und immer wieder kratzt und auf-
reizt, weil er von der Krätze des Zanks und neunmalklugen
Streits infiziert ist. Wie verhält es sich nun, so sagen die Kriti-
kaster, wenn Gott vorausgesehen hat, dass ich sündigen werde,
und die Vorsehung nicht irre gehen kann, muss ich denn dann
nicht mit Notwendigkeit sündigen? Dummköpfe! Wer leugnet
das denn? Natürlich sündigst du notwendig, aber füge bitte hin-
zu: durch deinen eigenen Willen. Denn das hat Gott vorausgese-
hen, dass du

4 Zur Begriff des Möglichen, der durchaus Bestandteil stoischer Philosophie ist, s. Weisheit S. 104ff.
5 Zur Übersicht über die philosophische Dimension des freien Willens s. Weisheit S. 126-142.
6 In der Glosse (n.3) verweist Lipsius auf Augustinus und zitiert den Kirchenvater (Aug. de civ. dei 5.10) frei: „Denn der Wille kann nicht gezwungen werden zu wollen, was er nicht will: denn es ist nicht so, daß wir etwas wollen, wenn wir nicht wollen.“




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genau so fehl gehen wirst, wie er es gesehen hat. Er hat aber
auch gesehen, dass du dabei aus freiem Antrieb handelst. Also -
sündigst du freiwillig und mit Notwendigkeit.
Das ist doch wohl hinreichend deutlich?!
Aber die Skeptiker lassen keine Ruhe: Gott sei doch der Urheber
jeglichen Antriebs in uns. Im Allgemeinen ist er wohl der Urhe-
ber,7 das gestehe ich zu. Aber er gibt nur dem Guten seine Zu-
stimmung. Du schickst dich an zur Virtus, zum guten Handeln?
So weiß er es und wird dir helfen. Aber zum Laster, dem ver-
werflichen Tun? So weiß er’s auch - und lässt dich gewähren.
Dabei trägt er allerdings keine Schuld.
Stell dir vor, ich sitze auf einem Pferd und treibe es an, obwohl
es lahm ist und hinkt. Der Antrieb kommt von mir, aber dass es
lahm ist, liegt an ihm. Oder ich schlage eine Laute an, die disso-
nant klingt und mit Darmsaiten schlecht bespannt ist. Du wirst
zugeben, dass die Misstöne zu Lasten des Instrumentes gehen,
aber nicht mir als Fehler anzurechnen sind. Die Erde hier, auf
der wir stehen, ernährt alle Bäume und Pflanzen mit einem allen
gemeinsamen Lebenssaft; dennoch tragen die einen Heil brin-
gende Früchte, andere sind giftig. Was willst du dazu sagen?
Dass die Erde dies verschuldet? Oder nicht eher, dass dieser
Umstand von der den Bäumen innewohnenden Eigenschaft her-
rührt, die die gute Nahrung in das ihnen eigentümlich Gift um-
schmilzt?
So verhält es sich auch hier: Von Gott hast du die Fähigkeit,
dich zu drehen und zu wenden - wenn du dich aber zum Bösen
wendest, kommt das von dir und liegt allein an dir.
Ich möchte nun die Erörterung der Freiheitsproblematik been-
den: Das Fatum ist lediglich ein Vortänzer und führt das Seil in
diesem Theater der Welt, doch die Rolle des Wollens und Nicht-
Wollens liegt immer bei uns. Mehr nicht! Denn wir spielen nicht
den Part des tatsächlichen Wirkens: Der freie Wille wenigstens
ist dem Menschen belassen; damit mag er Gott Widerstand ent-
gegenbringen wollen, die Kraft, durch die er dies auch durchzu-
setzen vermöchte, hat er allerdings nicht. Auf einem Schiff ist es
mir möglich, die Gänge entlang zu laufen und mich an Deck frei
zu bewegen, aber die Bewegungsfreiheit bringt das Schiff doch
nicht von seinem Kurs ab. So verhält es sich auch an Bord des
Schicksalsschiffes, auf dem wir alle segeln; die einzelnen Vor-
stellungen und Wünsche dürfen hierhin und dorthin laufen, doch
sie werfen das Boot nicht aus seiner Bahn oder bringen es zum
Stillstand. Der höchste Wille wird immer die Zügel führen und
dieses Gefährt mit sanfter Hand lenken, ganz nach seinem Plan.

7 Viritius setzt diesem „communiter auctor“ eine Glosse hinzu, die im lateinischen Original nicht enthalten ist (Vir. 63,n.1): „Nemlich, dieweil er uns erschaffen un noch erhelt.“