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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.2.C 1.2.19
Das Reisen nützt nichts bei psychischen Leiden.
Es zeigt nur die äußeren Symptome, heilt aber nicht an der Wurzel,
außer bei einer leichten und ersten Regung der Affekte.1


Langius erwiderte mit sanftem Kopfschütteln: „Ich höre
wohl, doch wollt ich lieber, du redetest nach Weisheit und
Vernunft. Denn das, was dich umhüllt und verwirrt, sind Nebel
und Wölkchen vom Dunst der gängigen Meinungen. Daher ist
für dich, um es mit Diogenes zu sagen, die Vernunft vonnöten,
nicht der Fallstrick des Fehlurteils. Ich sage dir, du brauchst
einen Lichtstrahl, der die Finsternis deines Kopfes erleuchtet.
Schau, du verlässt also dein Land, aber sag ernsthaft, wenn du
jenes fliehst, wirst du auch dir selber entkommen? Sieh zu, dass
nicht das Gegenteil geschieht und du mit dir und in deinem
kranken Herzen den Quell und Zündstoff deiner Übel herum-
schleppst.
Wenn wir wie Geisteskranke vergebens von einem Land ins
andere reisen, verhalten wir uns wie Fieberkranke, die sich in
der vergeblichen Hoffnung auf Linderung hin und her werfen
und sogar das Bett wechseln. Das heißt nämlich nur, die Krank-
heit offen zu legen, nicht sie wegzunehmen, diese innere Hitze
einzugestehen, nicht sie zu heilen. Eleganter fügt es der römi-
sche Weise: ’Es ist dem Kranken eigen, dass er nichts lange
duldet und die Veränderungen wie Heilmittel verwendet. Daher
werden weite Reisen unternommen und ferne Gestade durchirrt,
und bald zu Wasser, bald zu Lande versucht sich der Wankel-
mut, immer feindlich gegenüber den gegenwärtigen Dingen.’
2
Daher flieht man nur vor den Wirren, man entkommt ihnen aber
nicht. Wie jene Hirschkuh bei Vergil,3 welche, ‘weil nicht auf
der Hut, von ferne in den kretischen Wäldern der treibende Hirt
mit Pfeilen durchbohrte und die auf ihrer Flucht durch Wälder
und Täler das Diktegebirge durchstreifte’’
- vergeblich, weil,
wie derselbe Dichter hinzufügt, ‘der todbringende Pfeil in der
Flanke steckte’
. So seid auch ihr, die ihr mit diesem Pfeil der
Affekte tief durchstoßen seid. Ihr schüttelt ihn nicht ab, sondern
tragt ihn auf eurer Wanderung mit. Wer sich das Schienbein
oder einen Arm gebrochen hat, verlangt nicht einen Wagen oder
ein Pferd, denke ich, sondern einen Chirurgen. Was ist das für
eine Eitelkeit, dass du forderst, diese innere Wunde durch Be-
wegung und Hin- und Herfahren zu heilen? Denn es ist mit Si-
cherheit der Geist, der krank darnieder liegt; und diese ganze
äußere Schwäche, Verzweiflung, Mattigkeit entspringt aus einer
Quelle: dass jener keine Kraft mehr verspürt.

1 Die Affekte sind nach der stoischen Affektenlehre als Triebe zu betrachten, die der
Lenkung der Vernunft entgleiten, s. K. Beuth, Weisheit und Geistesstärke, Frankfurt
a.M. 1990, S. 50ff. (im folgenden kurz „Weisheit“).
2 Vgl. Sen. ep. XXVIII, ep. CIV, bes. 13ff.
3 Vergil, Aeneis IV 70-73.




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Der vornehmste und göttliche Teil im Menschen hat das Zepter
weggeworfen und ist derart der Selbstverachtung anheim gefal-
len,4 dass er freiwillig seinen Knechten dient.
Sag, was soll hier ein bestimmter Ort oder seine Veränderung
bewirken? Es sei denn, es gibt vielleicht eine Gegend, die die
Furcht mäßigt, die übertriebene Hoffnung zügelt, die das böse
Gift der Laster, das wir tief eingesogen haben, entzieht. Doch
gibt es diese Region nicht, nicht einmal auf den Inseln der
Glückseligen; oder, wenn es eine gibt, so zeige sie uns, und wir
gehen in der Tat zuhauf dorthin.
Aber du sagst, die Bewegung und Veränderung hat ebendiese
Kraft und erholt und erhebt den am Boden liegenden Geist durch
die tägliche Schau neuer Gebräuche, Menschen und Orte.
Lipsius, du irrst! Denn, um der Sache gerecht zu werden, ver-
achte ich das Reisen nicht soweit, dass ich ihm überhaupt keine
Berechtigung bezüglich Mensch und Affekte zuspreche. Im
Gegenteil, es gibt eine, aber nur insofern, als die Veränderung
des Ortes einen leichteren Überdruss unserer Stimmungslage
wie eine Seekrankheit wegnimmt. Reisen beseitigt nicht die
schwereren Krankheiten, die so tief eingedrungen sind, dass kei-
ne äußere Medizin dahin gelangt. Gesang, Wein und Schlaf ha-
ben nicht selten die ersten kleinen Gemütsregungen von Zorn,
Trauer oder Liebe geheilt.5 Doch niemals gelang dies bei einer
Krankheit, die tiefe Wurzeln geschlagen und sich festgekrallt
hat. So ist es auch hier: Das Reisen wird vielleicht leichten Un-
mut heilen, nie aber richtige Schwermut. Die ersten genannten
Regungen sind aus dem Körper entstanden und haften irgendwie
am Körper, sozusagen an der äußersten Hülle des Geistes.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, wenn sie mit einem
Schwamm, sei er noch so glatt, abgewischt werden können. So
geht es aber nicht bei den verwurzelten Affekten, die ihren Platz,
besser noch ihr Reich, im Zentrum des Geistes haben.
Solltest du noch so lang und viel herumgeirrt sein, jedes Land
und Meer bereist haben, keine See wird diese hinwegwischen,
keine Erde sie verschlingen. Sie werden dir folgen, und finstere
Sorge - um es mit dem Dichterwort6 zu sagen - wird dich beglei-
ten, ob du zu Fuß reist oder hoch zu Ross.
Als Sokrates einmal gefragt wurde, warum das Reisen keinerlei
Nutzen gebracht hätte, antwortete er dem Fragenden klug: ‘Du
kannst nicht aus deiner Haut.’
7 Ähnlich möchte ich hier anfü-
gen: Wohin du auch immer fliehen wirst, deinen kaputten und
zerstörerischen Geist hast du immer dabei. Und das ist kein gu-
ter Gefährte. Ach, was sage ich? Wär’s doch nur dein Begleiter,
ich fürchte, er wird dein Führer. Denn deine Affekte folgen dir
nicht, sie zerren dich

4 „et eo vilitatis lapsa est“; von einem früheren Leser des Originaldrucks sind im Text
Unterstreichungen bzw. Korrekturen vorgenommen worden. So ist aus dem ur-
sprünglichen „Vtilitatis“ (zu lesen ‘utilitatis’) das erste „t“ gestrichen worden.
5 Zur Unterscheidung der Affekte s. Weisheit S. 57, bes. Anm. 27.
6 Horaz, Carm. III 1.40.