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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.19.C 1.19.52







Der Begriff Fatum












Etymologie




Definition


















Providentia im
Unterschied zum
Fatum
Darlegung des vierten und wahrhaftigen Schicksalsbegriffes.1
Kurze Ausführungen über den Begriff selbst.
Dann die genaue Definition und Differenzierung von der Vorsehung.


Über antike Auffassungen und Meinungsverschiedenheiten
habe ich nun genug gehandelt. Denn warum soll ich noch
begierig und feinsinnig die Dreißigerschaft im Hades erforschen
wollen?
Mit dem wahrhaftigen Fatum werde ich zur Genüge zu tun ha-
ben: Dies will ich nun vorstellen und erklären. Schicksal oder
Fatum nenne ich hier also den immerwährenden Beschluss der
Vorsehung. Diesen kann man eben so wenig von den Dingen
wegnehmen wie die Vorsehung selbst.
Die Bezeichnung aber soll mir keiner ins Lächerliche ziehen
oder auf die leichte Schulter nehmen, denn ich versichere mit
Nachdruck, es gibt in der ganzen lateinischen Sprache kein an-
deres Wort, das der hier anstehenden Sache angemessen ist. Ha-
ben die Alten seinen rechten Gebrauch nicht verstanden? Dann
wollen wir es richtig stellen! Und wenn wir den Ausdruck aus
dem finsteren Kerker der Stoiker herausgeführt haben, werden
wir ihn ans klarere Tageslicht halten.
Das lateinische Wort für Schicksal -Fatum - kommt mit Sicher-
heit von fari oder fandus, was ursprünglich heißt: sprechen, sa-
gen verkünden.2 Somit bedeutet es eigentlich nichts anderes als
Spruch und Weisung Gottes. Das ist genau, was wir hier suchen.
Denn ich definiere das wahre und tatsächliche Fatum mit dem
berühmten Pico della Mirandola als ‘die vom göttlichen Rat-
schluss abhängige Kette und Ordnung der Ursachen.’
3 Oder mit
unseren Worten, etwas dunkler, aber feinsiniger als: ‘den unab-
änderlichen Beschluss der Vorsehung, der den beweglichen Din-
gen anhaftet und jedem einzelnen seine Ordnung, seinen Platz
und seine Zeit mit dauerhafter Gültigkeit zuteilt.’
4
Ich habe ganz bewusst das Schicksal einen Beschluss der Vorse-
hung genannt, weil ich mit den heutigen Theologen (man geste-
he mir hier zu, der Wahrheit in Freiheit nachzuforschen) nicht
übereinstimme, die Fatum und Providentia der Sache und dem
Begriffe nach miteinander vermischen.
Ich weiß, wie schwer und geradezu verwegen es ist, jenes We-
sen, das die Wirklichkeit und auch das Himmlische übersteigt
(ich meine natürlich Gott), mit bestimmten Worten erfassen und
eingrenzen zu wollen. Dennoch beharre ich, sofern es in der
Auffassungskraft des menschlichen Geistes liegt, darauf, dass
die Vorsehung im eigentlichen Sinn das eine, unser Schicksal
etwas
anderes ist. Denn die Vorsehung verstehe ich nicht anders als
‘eine Macht und Gewalt Gottes, durch die er alles sieht, weiß
und lenkt.’
5 Ich denke dabei an eine allumfassende, ungeteilte
und in sich ganz und gar feste Kraft, in der - mit Lucrez gespro-
chen - alles ‘in eins verbunden ist’.
Das Fatum dagegen scheint doch mehr zu den Dingen selbst
herab zusteigen und auch in ihnen betrachtet zu werden. Es ist
eine

1 Zur Problematik des Fatum Verum im Überblick s. Weisheit S. 88ff u. S. 92ff.
2 Lipsius kurz und bündig: „Fatum enim certe a fando“.
3 Pico della Mirandola, Disp. adv. Astrologiam 4.4.
4 Boethius, Cons. 4.p6.21ff, s. Weisheit S. 89f.
5 Vgl. SVF n 268.13; 324.23; I 41.23-24, s. Weisheit S. 89 und Anm. 6.




1.19.C 1.19.53


































Erläuterung der

Definition
Einteilung und Darstellung der allgemeinen Vorsehung, die sich
von dieser getrennt und in einzelnen Teilbereichen vollzieht.
Daher ist die Vorsehung in Gott und ihm allein zugeteilt, das
Schicksal ist in den Dingen und wird ihnen zugeschrieben.
Ich scheine dir Probleme zu bereiten und dich zu verwirren, viel-
leicht denkst du auch, ich betreibe Erbsenzählerei.6 Und doch,
Lipsius, entnehme ich diese Art zu reden geradezu der Alltags-
und Umgangssprache. Da hört man doch nichts anderes, wenn es
heißt: ‘Dieses oder jenes ist mein Schicksal - zum Guten oder
Schlechten. Das ist das Schicksal jenes Reiches oder jener
Stadt.’ Aber niemand spricht so von der Vorsehung. Niemand,
behaupte ich, rechnet sie den Dingen selbst zu, außer er macht
sich der Gottlosigkeit schuldig und gibt sich somit der Lächer-
lichkeit preis.
Ich sage also mit Fug und Recht, dass jene in Gott ist, dieses
zwar von Gott kommt, aber von den Dingen her verstanden wer-
den muss. Ich gehe sogar noch weiter: Selbst wenn man Vorse-
hung und Schicksal nicht als tatsächlich getrennt voneinander
betrachtet - sondern als zwei Gesichtspunkte desselben Gesche-
hens - scheint die Providentia immer noch vorzüglicher, in ge-
wissem Sinne zeitlich früher als das Fatum zu sein. Wir reihen
uns damit in die allgemeine Lehrmeinung der philosophischen
Schulen ein, dass auch die Sonne Ursprung des Lichtes ist, die
Ewigkeit die Zeit überragt und die Einsichtsfähigkeit vor der
reinen Verstandestätigkeit liegt.
Aber ich will dieses trockene und unerfreuliche Thema nicht
allzu sehr auswalzen, obwohl es noch keineswegs abgenutzt ist.
Doch du siehst daraus, dass der Grund für eine Differenzierung
von Vorsehung und Schicksal gerechtfertigt ist, ebenso wie die
Beibehaltung der Begriffe - ungeachtet der modernen Theologe-
nschaft. Denn ich stehe in vollem Einklang mit den Kirchenvä-
tern, wenn ich das Wort Fatum in vernünftiger Weise und auf-
richtig verwende.7
Ich möchte nun zur Erläuterung meiner Definition zurückkeh-
ren:
Ich nannte das Fatum einen den Dingen anhaftenden Beschluss,
um zu zeigen, dass man es da untersuchen muss, wohin es ge-
langt und nicht da, woher es kommt.
Ich fügte hinzu: den beweglichen Dingen. Dies sollte zeigen,
dass das Fatum selbst zwar unverrückbar ist, aber dennoch den
Dingen ihre innewohnende Bewegungsmöglichkeit und ihr
eigentümliches Wesen nicht raubt. Es führt sie vielmehr sanft
und ohne jede Gewalt, entsprechend den von Gott eingepflanz-
ten Wesensmerkmalen und Voraussetzungen.
Sind diese Ursachen (gemeint sind natürlich die Gott nachge-
ordneten Ursachen) notwendig, so sind auch die Abläufe der
Notwendigkeit unterworfen, sind die Ursachen natürliche, so
sind es auch die Vorgänge, unterliegen sie dem freien Willen,
sind auch die Handlungen frei, und sind sie zufällig, so sind es
auch die Ereignisse.8 In Hinsicht auf die Dinge wendet das Fa-
tum daher weder Gewalt noch Zwang an, sondern es führt und
lenkt ein jedes entsprechend seinen angeborenen Vorgaben:
entweder aktiv zu handeln oder passiv zu dulden. Wenn du dich
aber auf seinen Ursprung zurück beziehst - nämlich die Vorse-
hung und damit Gott - musst du fest und furchtlos eingestehen,
dass alles, was aufgrund des Schicksals geschieht, sich mit Not-
wendigkeit vollzieht. Schließlich habe ich meiner Definition
einen Zusatz von Ordnung, Ort und Zeit hinzugefügt. Damit
sollte bekräftigt werden, was ich schon vorher ausgeführt hatte:
In der Vorsehung sind alle Dinge mit einem Mal als Ganzes ver-
einigt gesehen, das Fatum dagegen ist durch die Aufteilung das
Schicksal der Einzeldinge und -wesen. Unter Ordnung verstehe
ich eine Ursachenkette, die

6 Wörtlich „kegcron trupan“; in einer Randnotiz (n.2) unter Zuhilfenahme einer lat. Übersetzung, „milium terebrare“ (Hirse bohren), auf Galenus zurückgeführt.
7 Lipsius verweist in der Randnotiz (n.4) auf Augustinus, Isidorus und Thomas v. Aquin.
8 Zur Diskussion der Problematik und Quellenlage dieser Ursachenlehre s. Weisheit S. 92f und die umfangreiche Anm. 16, S. 93f.




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das Fatum festlegt nach Ort und Zeit. Sie ist jene wundersame
und nie völlig zu deutende Kraft, durch die alle Ereignisse nach
bestimmten Orten und Zeitpunkten festgelegt sind.
Ist es Schicksal, dass Tarquinius aus seinem Königreich verjagt
wird? Dann wird es geschehen! Aber der Ehebruch muss voran-
gehen.
Du erkennst die Ordnung.
Es ist Caesar bestimmt, ermordet zu werden? Nun denn! Aber es
muss im Senat geschehen; und bei der Statue des Pompeius.
Da siehst du den Ort.
Das Schicksal Domitans ist es, von seinen eigenen Leuten getö-
tet zu werden? So wird er getötet! Und genau um dieselbe Stun-
de, die er vergeblich zu meiden suchte: die fünfte.
Da siehst du die Zeit.