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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.17.C 1.17.47



























Fatum























Fatum als logi-
scher Schluss
Die Notwendigkeit aus dem Schicksal (Fatum)1
Erstens: Bestätigung der Wirksamkeit des Schicksals.
Darüber Übereinstimmung von Philosophen und Volksmeinung im Allgemeinen,
Unterschiede in den Einzelaspekten.
Dann: Vielfalt der Ansichten über das Fatum bei den Alten.


So hatte Langius gesprochen; und mit seiner Rede hatte er
mir fast die Tränen in die Augen getrieben. Mit einem Mal
schienen mir die nichtigen Spielformen der menschlichen Ange-
legenheiten deutlich vor Augen zu treten.
„Hei“, rief ich laut: „Was sind wir eigentlich? Oder was ist all
das hier, dem wir nachjagen, wert? ‘Was bedeutet es, irgendje-
mand zu sein? Was macht es aus, ein Niemand zu sein? Der
Mensch ist nicht mehr als der Traum eines Schattens’
– All zu
wahr, was einst der Dichter sang.“
Langius wendete sich mir zu und sprach: „Nun, junger Mann,
betrachte nicht nur diese Lächerlichkeiten, sondern verachte sie.
Schöpfe aus der ganzen wackligen und sprunghaften Nichtigkeit
aller weltlichen Dinge die Geistesstärke, die deine Haltung prä-
gen soll. Unbeständig nenne diese Vorkommnisse nur, sofern sie
unseren Verstand und unsere Wahrnehmung betreffen. Was Gott
und seine Vorsehung angeht, so entwickelt sich alles aus einer
unabänderlichen und fest gefügten Ordnung heraus.
Nun lasse ich die leichten Waffen beiseite und fahre schweres
Geschütz auf: Nicht mit Pfeilen werde ich deinen Schmerz
bekämpfen, sondern mit Katapulten. Ich werde den festen und
starken Sturmbock des Schicksals hineinrammen. Den wird kei-
ne menschliche Kraft herausschlagen, keine Spitzfindigkeit wird
ihn hinters Licht führen.
Dieses Thema ist gefährlich, man kann leicht dabei ausgleiten.
Dennoch werde ich es anpacken, aber vorsichtig, langsam und,
wie die Griechen sagen, gemessenen Schrittes.
Zunächst mal, Lipsius, denke ich, hast weder du, noch hat je ein
Volk oder Zeitalter angezweifelt, dass es ein Schicksal gibt, das
in den Dingen wirkt.“
Hier fuhr ich dazwischen und sprach: „Verzeih, wenn ich mit dir
in dieser Sache nicht einer Meinung bin. Du willst mir das
Schicksal entgegenstellen. Der Rammbock taugt nichts. Der
wird gelenkt von den unsicheren Fäden der Stoiker. Ich sag’ es
dir frei heraus: Ich gebe nichts auf das Schicksal und die Par-
zen,2 und mit dem Soldat bei Plautus möchte ich diesen alters-
schwachen Haufen auseinander blasen wie der Wind die Blät-
ter.“
Darauf antwortete Langius mit strenger und geradezu drohender
Miene: „Du unbesonnener und leichtsinniger Mensch, du willst
das Schicksal oder Fatum leichtfertig aufs Spiel setzen oder
ganz beseitigen? Das vermagst du nicht, es sei denn, du nimmst
mit ihm zusammen die ganze göttliche Macht und Hoheit hin-
weg.
Denn wenn es einen Gott gibt, dann gibt es eine Vorsehung.
Wenn es weiter diese gibt, dann auch eine festgesetzte Ordnung
der Dinge - folglich auch eine sichere und unverrückbare Not-
wendigkeit in der Abfolge der Ereignisse.
Na, wie willst du diesem Streich ausweichen? Oder mit welcher
Axt willst du die Kette dieser Schlussfolgerung zerschlagen?
Gott und den ewigen Geist dürfen wir uns nur so vorstellen, dass

1 Zur umfassenden Darstellung des Fatumbegriffes s. Weisheit S. 88ff.
2 Die Parzen oder Moiren (nach Hesiod: Klotho, Lachesis, Atropos), Schicksalsgöttinnen,
die den Menschen ihr individuelles Schicksal zuteilen.




1.17.C 1.17.48



















Fatum in der Dichtung





Historiker und
Philosophen








4 Begriffe von

Schicksal
in ihm ein ewiges Wissen, eine von je her bestehende Vorkennt-
nis der Dinge besteht. Denselben denken wir als fest, sicher, un-
verrückbar - er ist immer ein und derselbe und somit eine un-
wandelbare Identität. Was er einmal gewollt oder als Zukünfti-
ges gesehen hat, ändert er um keinen Preis, nichts kann ihn wan-
kend machen. ‘Denn gar nicht schnell ändert sich der Sinn der
ewig währenden Götter.’
3
Wenn du das eingestehst (und das ist zwangsläufig, es sei denn
du hast jeden Sinn und Verstand verloren), dann musst du auch
zugeben, dass alle göttlichen Beschlüsse fest und unabänderbar
sind - von Ewigkeit zu Ewigkeit. Und aus ihnen geht die Not-
wendigkeit hervor, und das, was du verspottest, das Fatum.
Die Wahrheit dieser Sache liegt derart deutlich auf der Hand,
dass unter den Völkern keine ältere und allgemeingültigere Auf-
fassung herrscht. Fast allen, denen das Licht Gottes und der Vor-
sehung entgegenstrahlte, denen erschien auch das Schicksal als
eine einleuchtende Wirklichkeit. Diese ersten reinen Fünkchen,
die dem Menschen Gott offenbarten, scheinen ebenso den Weg
ausgeleuchtet zu haben, der zum Fatum führt.
Nimm nur Homer, und hör ihm zu, dem weisesten und Fürsten
der Poeten. Ich müsste lügen, wollte ich behaupten, dass diese
göttliche Muse eine andere Bahn öfter eingeschlagen und mehr
geprägt hätte als die des Schicksals. Auch der übrige Stamm der
Dichter weicht da nicht von seinem Urvater ab: sieh Euripides,
Sophokles, Pindar und von den Unsrigen Vergil.4
Rufst du mich zu den Geschichtsforschern? So sind sich alle
darin einig, dass alles Mögliche aufgrund von schicksalhaften
Wendungen geschieht: auch der Bestand oder Untergang von
Königreichen. Oder willst du die Philosophen hören? Denen
liegt noch mehr am Herzen, die Wahrheit zu erforschen und
gegen Plattheiten der Vulgärmeinung zu verteidigen. Obwohl
jene aus Eifer und falschem Ehrgeiz in den meisten anderen Fra-
gen unterschiedliche Ansichten vertreten, ist es doch bewun-
dernswert, wie einig sich alle am Beginn dieses Weges sind, der
zum Fatum führt.
Ich sagte am Beginn. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass die-
ser
Weg bald in zahlreiche Seitenpfade mündet. Diese allerdings,
denke ich, lassen sich alle auf ein Geviert reduzieren: 1. den
Schicksalsbegriff der Astrologen (Fatum Mathematicum), 2. den
natürlichen Schicksalsbegriff der Peripatetiker (Fatum Natura-
le
), 3. die rigorose Auffassung der Stoiker (Fatum Violentum)
und schließlich das tatsächliche und wahrhaftige Schicksal (Fa-
tum Verum
).
Die verschiedenen Positionen werde ich kurz darlegen und den-
noch auch bei Einzelheiten verweilen, da diesbezüglich weit ver-
breitete Verwirrung und Irrtümer bestehen.

3 Der lateinischen Übertragung in der Glosse (n. 1) ist der Zusatz angefügt: „Ein Vers
Homers.“
4 Durch den Mund des Langius reiht sich Lipsius hier nahtlos in die Reihe lateinischer
Autoren ein.