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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.16.C 1.16.44














Kosmische Ver-
änderungen




















Geophysische Ver-
änderungen
Beispiele notwendiger Veränderung in der ganzen Welt.
Umwälzung des Himmels, Veränderung des
Stofflichen und zukünftiger Untergang.
Dazu Beispiele aus Städten, Ländern und Königreichen.
Schließlich der Kreislauf und die Unbeständigkeit des Seienden.


Ein ewiges Gesetz ist seit Anbeginn der Zeit der ganzen Welt
auferlegt: Geburt und Tod, Entstehen und Vergehen regeln
das Sein. Der Herrscher aller Dinge wollte, dass nichts fest und
unverrückbar sei - außer ihm selbst. Wie rief doch einst der Tra-
gödiendichter Sophokles: ‘Allein die Götter1 werden nicht alt,
niemals ereilt sie der Tod. Alles andere aber hat der Allgewalti-
ge unter das Diktat der Zeit gestellt.’

Alles, ob du es mit Verwunderung oder Verehrung betrachtest,
vergeht nach einer bestimmten Zeit; mit Sicherheit macht es
aber eine Veränderung durch.
Siehst du die Sonne da? Sie geht unter. Den Mond? Er schwin-
det in der Mondfinsternis dahin. Die Sterne? Sie gleiten dahin
und versinken. Und mag der menschliche Geist diese Phänome-
ne auch kaschieren und schönreden, dennoch sind in jenem
Kosmos Dinge geschehen und werden in Zukunft geschehen, die
die ganzen Gesetzmäßigkeiten der Astrologen aus den Angeln
heben und woran sie noch den Verstand verlieren. Die Kometen,
ihre unterschiedliche Form, Stellung und Bewegung will ich hier
einmal beiseite lassen. Dass diese aber alle aus der Luft ent-
stammen und in ihr sich bewegen, wird mir so leicht keine Schu-
le weismachen. Aber schau nur, noch vor kurzem haben Him-
melsbewegungen und neue Sterne, die sie entdeckten, den As-
tronomen schweres Kopfzerbrechen bereitet. Erst in diesem Jahr
ist ein Stern aufgegangen, dessen Zu- und Abnahme deutlich zu
beobachten war. Wir sehen (kaum zu glauben), dass am Himmel
selbst etwas entstehen und untergehen kann. Sieh nur, wie Varro
bei Augustinus ruft und behauptet, der Abendstern, die Venus,
die Plautus Vesperus, Homer Hesperos nennt, habe Farbe, Größe
und Gestalt verändert.
Untersuche nur die Luft, die dem Himmel am nächsten ist: Sie
verändert sich täglich in Wind, Wolken und Regen. Geh zu den

1 Lipsius wählt das griechische Original für den Text. Doch schon die lateinische Glosse
christianisiert - hin zum monotheistischen Weltbild: „uni deo numquam senectus ...“




1.16.C 1.16.45






























Vergänglichkeit
menschlicher Werke




















Rom
Wassern: zu den Flüssen, die wir ewig nennen, und den Quellen,
die einen wirst du ausgetrocknet vorfinden, die anderen haben
ihr Flussbett oder ihren Wasserlauf geändert. Selbst der Ozean,
ein großes und geheimnisvolles Schaubild der Natur, wird durch
Unwetter aufgewühlt oder zurückgedrängt, aber auch wenn diese
Naturgewalten nicht herrschen, gibt es immer noch den Wechsel
von Ebbe und Flut. Damit du einen Eindruck davon bekommen
kannst, dass es einst völlig verschwinden kann, wächst es um
bestimmte Teile täglich an oder weicht zurück.
Wenn du dir nun die Erde anschaust - einst wollte man, sie solle
als in sich ruhende Kraft unverrückbar fest stehen -: Sie
schwankt und wird durch Beben von verborgenen Kräften er-
schüttert, anderenorts wird sie von Wasser oder Feuer verzehrt.
Aber auch letztere kämpfen gegeneinander. Deshalb brauchst du
dich nicht über die Kriege der Menschen aufzuregen. Kriege
herrschen auch unter den Elementen. Wie viel Land haben
Sturmfluten und Überschwemmungen vermindert oder ganz ver-
schlungen?
Einst die große Insel Atlantis (denn ich glaube nicht, dass es sich
hierbei um eine Legende handelt), später Helike2 und Buren.
Aber wir brauchen nicht in alte und ferne Zeiten abzuschweifen,
wurden doch zu unserer Väter Zeiten bei uns in den Niederlan-
den - in Zeeland -3 zwei Inseln mit Mann und Maus hinwegge-
rafft. Und auch jetzt noch eröffnet sich jener blau schimmernde
Gott des Meeres mit Macht neue Buchten, indem er täglich die
unsicheren Gestade der Friesen4 umspült und hinweg nimmt.
Aber auch die Erde selbst verharrt nicht in weibischer Untätig-
keit, sondern rächt sich zuweilen und schafft sich mitten im
Meer neue Inseln, auch wenn sich der alte Vater Poseidon dar-
über wundert und erzürnt.
Wenn nun jene gewaltigen Körper, die unserer Wahrnehmung
erscheinen, als seien sie ewig, zu Untergang und Veränderung
bestimmt sind, was glaubst du, geschieht dann mit Städten, Staa-
ten und Königreichen? Die müssen doch so vergänglich sein wie
die, die sie gemacht haben. Der einzelne Mensch ist in seiner
Jugend mit Kraft gesegnet. Wenn er ein bestimmtes Alter er-
reicht hat, stirbt er. Ebenso verhält es sich auch mit den mensch-
lichen Errungenschaften: Sie haben einen Anfang, wachsen, ste-
hen fest und blühen auf - und all das, damit sie einmal vergehen.
Zur Zeit des Tiberius hat ein Erdbeben zwölf berühmte Städte
Asiens vernichtet, eben so viele Städte Campaniens verwüstete
ein Beben zur Zeit des Kaisers Konstantin. Ein einziger Krieg,
den Attila führte, aber traf mehr als hundert.
Vom alten Theben in Ägypten ist kaum noch Kunde erhalten,
und an den Untergang von hundert Städten auf Kreta mag man
kaum noch glauben. Aber ich will zu gesicherteren Erkenntnis-
sen kommen: So haben schon in alter Zeit die Menschen mit
Verwunderung feststellen müssen, dass Karthago, Numantia
oder Korinth in Trümmern lagen. Und wir sehen jetzt die klägli-
chen Ruinen Athens, Spartas und so vieler berühmter Städte.5
Und wo ist sie, die Herrin von Staaten und Völkern, die ver-
meintlich
Ewige Stadt? Verschüttet, zerstört, gebrandschatzt und überflu-
tet. Sie starb so manchen Tod, und heute wird mit Ehrgeiz nach
ihr geforscht. Doch in ihrem eigenen Boden ist sie nicht zu fin-
den.

2 S. Pausanias 7.24.4-725.4. Poseidon bestraft den Frevel der Achaier mit Erdbeben
und Flutwelle.
3 Hier ist die Glosse „In Zelandiae partibus“ mit in den Text eingearbeitet.
4 Lipsius nennt hierzu u.a. noch die C(h)auci (Ostfriesen).
5 Viritius (Vir. 47v.) schmückt seine Übertragung an dieser Stelle aus und erklärt die
Verwüstung griechischer Städte seiner Zeit mit dem Türkensturm: „und wir sehen,
dass Athen, Sparta und so viel andere edele fürtreffliche Städte mehr durch des
grausamen Türcken Tyranney so jemmerlich verwüstet und verderbet worden.“





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Staaten und Reiche






Weltuntergang









Abschluss der

Beispiele
Siehst du dort Byzanz, dem es angelegen ist, gleich zweier Rei-
che Hauptsitz zu sein.6 Oder da Venedig, das sich tausendjähri-
ger Stärke brüstet? Auch deren Tag wird kommen. Und du, un-
ser Antwerpen, Perle unter den Städten, wirst einmal nicht mehr
sein.
Der große Architekt zerstört und baut auf und spielt - wenn man
so sagen darf - mit den menschlichen Dingen. Gleich einem bil-
denden Künstler entwirft er sich verschiedene Formen und Bil-
der aus seinem Tonmaterial und ändert sie dann wieder um.
Bisher habe ich ja nur von Städten geredet, aber auch ganze Kö-
nigreiche und ihre Provinzen wurden in den Sog des Untergan-
ges hineingezogen. So erblühte einst der Orient: Assyrien, Ägyp-
ten und Judäa waren stark an Streitmacht wie an geistigen Er-
rungenschaften. Dieses Glück ist auf Europa übergegangen, das
mir jetzt allerdings selbst wie ein wankender Körper zu erzittern
scheint und einen Vorgeschmack seines künftigen Falls verspürt.
Des Weiteren können wir uns gar nicht genug darüber verwun-
dern, dass auch unsere Erde als solche, seit fünftausendfünfhun-
dert Jahren bewohnt, altersschwach wird. Um also der Erzäh-
lung des Anaxarchos, die einst ausgepfiffen wurde, noch einmal
Beifall zu spenden: Anderswo entsteht eine neue Welt, und neue
Menschen wachsen nach.
Oh, du wunderbares und nie völlig zu begreifendes Gesetz der
Notwendigkeit! Alles vergeht in diesem schicksalhaften Kreis-
lauf von Geburt und Tod. Und mag auch etwas in dieser Ma-
schinerie von langer Dauer sein, nichts ist ewig.
Erhebe die Augen und schau dich mit mir um (denn es macht
mir
nichts aus, dieses Thema noch weiter zu strapazieren) und be-
trachte die Wechselfälle der menschlichen Dinge. Sie sind wie
die Fluten des Ozeans: Du - erhebe dich; du - falle wieder. Du -
herrsche; du - diene. Du - halte dich verborgen; du - komme her-
vor. So läuft dieser in sich wiederkehrende Kreislauf der Dinge,
solange der Erdkreis selbst bestehen wird.
Ihr Germanen wart einst wild und ungezähmt? Dann reifet jetzt
und werdet milder als die meisten Völker Europas. Ihr Briten
wart unkultiviert und arm? Dann übertrefft jetzt sogar die
Ägypter und Sybariten7 an Genüssen und Wohlstand. Griechen-
land stand einst in Blüte? Dann mag es eben nun darniederlie-
gen. Italien hat einmal das Zepter in der Hand gehalten? Dann
soll es jetzt anderen dienen. Ihr Goten, ihr Vandalen, ihr Gärteig
der Barbaren, kommt aus der Versenkung hervor und gebietet
abwechselnd den Völkern. Kommt auch ihr herbei, ihr fellbe-
kleideten Skythen,8 und lenkt mit starker Hand für eine kurze
Zeit die Geschicke Asiens und Europas. Aber macht auch ihr
euch demnächst aus dem Staub und überlasst nur die Herrschaft
jenem Volk am Ozean. Denn liege ich da so falsch? Oder sehe
ich von Westen her schon die Sonne eines neuen Reiches aufge-
hen?“

6 Eine Glosse (n.1) verweist auf Rom und die Türkei.
7 Die Einwohner von Sybaris, einer griechischen Kolonie in Lukanien, waren bekannt und
sprichwörtlich wegen ihres Reichtums und der Pflege eine feinen Küche (bereits im
6. Jh. v. Chr.).
8 Die Randnotiz (n.4) leitet die Türken von dem Volk der Skythen ab.