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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.14.C 1.14.41














Urheberschaft
Gottes
Alles geschieht auf Geheiß der Vorsehung:
auch der Untergang von Völkern und Städten.
Folglich steht es uns nicht zu, über sie zu klagen oder zu weinen.
Schließlich eine Mahnung zum Gehorsam gegen Gott. Ein Kampf gegen ihn ist
aussichtslos.


Wenn du diese Lehre richtig aufgenommen hast und von
ganzem Herzen glaubst, dass jene herrschende Kraft der
Vorsehung alles durchdringt, in allem wirkt und, um es mit dem
Dichterwort zu sagen, ‘alle Lande und Wasser durcheilt’, sehe
ich nicht ein, welchen Stellenwert dein Schmerz und dein Kla-
gen noch haben sollen.
Jener fürsorgliche Geist bestimmt täglich die Umwälzung an
diesem Himmel da, er lässt die Sonne auf- und niedergehen und
regiert so über Tag und Nacht, er erzeugt und schützt Früchte
und Nahrung. Er bringt all diese Erscheinungen hervor und ver-
ursacht die Veränderung aller Dinge, worüber du dich wunderst
und beklagst.
Glaubst du denn, dass uns nur Annehmlichkeiten und Streichel-
einheiten vom Himmel zugesandt werden? Nein, da gibt’s Trau-
riges und Unglück! Überhaupt wird nichts in dieser großen Ma-
schinerie des Kosmos bewegt, in Aufruhr versetzt oder angeregt,
das nicht seinen Grund und Ursprung in der ersten aller Ursa-
chen hat,1 - Die Sünde nehme ich davon aus. -
‘Alles, was geschieht, hat seine Verwaltung im Himmel’, sagt
Pindar zutreffend. Homer kleidet es in eine Fabel, wenn er sagt,
es sei eine goldene Kette von da oben herabgelassen, an die alles
hier auf Erden geknüpft sei.
Wenn irgendwo ein Erdrutsch ganze Städte verschlungen hat,
rührt das von der Vorsehung her. Wenn anderswo die Pest viele
tausend Menschen dahinrafft, kommt dies von ihr; Mord, Krieg
und Tyrannei in Belgien entstammen derselben Kraft.

1 Zur „Prima Causa“ s. Weisheit S. 85, Anm. 11.




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Empörung gegen
Gott
Von Gott, Lipsius, von Gott werden alle diese Unglücke ge-
schickt. So steht schon klug und weise bei Euripides: ‘Die Ge-
schicke sind von Gott verhängt.’
Der Fluss aller menschlichen
Dinge, sage ich dir, hängt ab von jenem Mond, Aufstieg und Un-
tergang der Königreiche von jener Sonne.
Wenn du also die Zügel deines Schmerzes schießen lässt und
dich darüber empörst, dass es in deinem Vaterland drunter und
drüber geht, denkst du dann auch mal daran, wer sich da gegen
wen auflehnt? Wer? Ein Mensch, ein Schatten, ein Staub. Gegen
wen? Ich wage es kaum zu sagen: gegen Gott!
Im Altertum gab es die Geschichte von den Titanen, die die Göt-
ter angriffen, um sie vom Olymp zu verjagen. Übertragen wir
diese Geschichte mal auf die heutige Zeit, dann tretet ihr Queru-
lanten an deren Stelle. Denn, wenn das alles, was uns widerfährt,
von Gott nicht nur zugelassen, sondern sogar gesandt wird, was
tut ihr dann, wenn ihr aufbegehrt und Widerstand leistet, ande-
res, als dass ihr ihm (sofern ihr es vermögt) das Zepter entreißt,
in der Absicht, selbst die Herrschaft zu führen? Oh, Blindheit
der Sterblichen! Sonne, Mond und Sterne, die Elemente und al-
les Lebendige gehorcht allzeit freiwillig und unterwirft sich dem
höchsten Gesetz. Das vornehmste der Geschöpfe aber, der
Mensch, löckt wider den Stachel und leistet Widerstand. Aber,
wenn du die Segel gesetzt hast, folgst du doch auch dem Wind
und nicht deinem Willen; und auf diesem Ozean des Lebens
weigerst du dich, dem Geist zu folgen, der das ganze Universum
regiert? Dennoch ist dein Aufbegehren vergeblich: Entweder du
folgst, oder du wirst gezogen. Die Beschlüsse Gottes behaupten
ihre Kraft und Ordnung - entweder gegen den Bereitwilligen
oder den Rebell.2 Lachen wir nicht auch, wenn jemand einen
Kahn an einen Felsen bindet und glaubt, wenn er an dem Tau
zieht, würde der Felsen auf ihn zukommen anstatt umgekehrt?
Ist unsere Dummheit nicht noch größer, wenn wir, an jenen Fel-
sen der ewigen Vorsehung gefesselt, statt der Providentia zu
folgen, durch Ziehen und Sträuben bewirken wollen, dass diese
uns gehorcht?
Wollen wir doch einmal diesen ganzen Unsinn lassen! Wenn wir
klug sind, werden wir der Kraft, die von oben zieht, folgen. Wir
werden es dann für angemessen halten, dass dem Menschen ge-
falle, was Gott gefallen hat.
Der Soldat im Feldlager greift, wenn er das Zeichen zum Auf-
bruch hört, sein Gepäck; hört er das Signal zur Schlacht, legt er
es ab. Dann ist er mit Herz, Augen und Ohren, voll Eifer bereit
für den Befehl des Feldherrn. So wollen wir es auch halten!
Freudig und im Sturmschritt wollen wir unserem Imperator fol-
gen, wohin er uns auch ruft.
‘Auf diesen Eid’, sagt Seneca, ‘sind wir eingeschworen, das zu
ertragen, was uns im Leben widerfährt, und uns nicht aus der
Ruhe bringen zu lassen durch solches, dem aus dem Weg zu ge-
hen, nicht in unserer Macht steht. Wir sind in ein Königreich
hineingeboren: Gott zu gehorchen, das ist Freiheit!’
3

2 Zur philosophiehistorischen Quellenlage s. Weisheit S. 87, Anm. 18.
3 Sen. de vita beata 15.7; vgl. Weisheit S. 87, Anm. 19.