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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.13.C 1.13.39
























Affekte als Gei-
steskrankheit











Ohnmacht der
Trauer












Gottes ewige
Vorsehung
Wie man die Nöte der öffentlichen Übel leichter erträgt oder völlig ignoriert. Mit
vier besonderen Argumenten werden selbige bekämpft. Zunächst wird von der
Vorsehung (Providentia)1 gehandelt. Es wird gezeigt, dass diese in allen menschlichen
Dingen wirkt und sie beherrscht.


Denn endlich schreite ich vom Scharmützel und Vorgeplän-
kel zur wahren und ernsthaften Schlacht. Ich lege die
leichte Bewaffnung ab, verzichte auf jegliche Spielereien und
greife zu den Waffen, die die Entscheidung herbeiführen sollen.
Ich werde alle meine Truppen geordnet unter ihren Feldzeichen
heranführen. Ich werde mein Heer in vier Bataillone aufteilen:
Mit dem ersten werde ich dafür streiten, dass alle öffentlichen
Übel von Gott gesandt sind.2 Mit dem zweiten, dass sie notwen-
dig und vom Schicksal bestimmt sind.3 Mit dem dritten trete ich
dafür ein, dass sie uns Nutzen bringen.4 Schließlich und endlich
werde ich zeigen, dass die öffentlichen Plagen und Übel weder
schwer noch neu sind.5 Wenn diese Truppen alle an ihrem Platz
geschickt kämpfen und tapfer die gegnerischen Angriffe zurück-
schlagen, glaubst du, dann wird mir das Heer deiner Leiden noch
zu widerstehen wagen oder die Frechheit besitzen, mir die Stirn
zu bieten? Es wird nicht, und dann habe ich gesiegt; und unter
diesen Voraussetzungen werden alle Streiter jubeln.
Weil nun alle Affekte, Lipsius, die das menschliche Leben
auf vielfältige Weise betreffen und in Unordnung geraten lassen,
von einem kranken Geist herrühren, dann stammt von dort mei-
nes Erachtens vor allem der Schmerz, der wegen öffentlicher
und politischer Angelegenheiten entsteht.
Während die übrigen Affekte alle irgendeinen Sinn und Zweck
verfolgen (Liebe sucht Macht über ihr angestrebtes Ziel, der
Zorn die Rache, die Habgier Bereicherung und so fort), findest
du bei diesem allein keinen anderen Sinn als das Leiden um sei-
ner selbst willen.
Aber ich will nicht abschweifen und mich in meinen Ausführun-
gen verzetteln, sondern die Zügel straff anziehen und innerhalb
unseres Themenkreises bleiben:
Wie du behauptest, betrauerst du also dein Vaterland, das dem
Untergang geweiht ist. Aber mit welcher Absicht? Komm, sag
an! Was ist deine Hoffnung, was deine Erwartung? Willst du
etwa den Zusammenbruch aufhalten? Willst du den Verzagen-
den Mut zusprechen? Oder hoffst du vielleicht, durch dein Lei-
den eine drohende Pest und Seuche aus Belgien zu vertreiben?
Nichts von alledem!
Es geht einzig darum, den abgeschmackten Ausspruch tun zu
können: „Oh, ich leide!“
Im Übrigen ist diese ganze Trauer irrig und umsonst. Denn sie
richtet sich auf eine Sache, die vorbei ist. Nicht einmal den Göt-
tern ist es vergönnt, geschehene Dinge ungeschehen zu machen.6
Und so ist es nur vergebens, Trauer zu tragen? Es ist sogar fre-
velhaft, wenn du die Frage recht abwägst.
Denn du weißt genau: Es gibt einen ewigen Geist,7 den wir Gott
nennen. Dieser lenkt die permanenten Kreisläufe am Himmels-
gewölbe, die unstete Bahn der Gestirne und alle anderen

1 Zur Providentia als Vorsehung und göttlicher Fürsorge s. Weisheit S. 82ff.
2 Mit diesem Argument leitet Lipsius hier im Kapitel 12 des 1. Buches die Betrachtung
der Providentia oder Vorsehung ein (C 1.13-14), die er gegen Ende des Kapitels
dann definiert.
3 Ab C 1.15.
4 Ab C 2.6.
5 Ab C 2.18.
6 Vir. 38v. übersetzt „ne diis quidem ... esse in manu“ mit „keinem Menschen möglich“;
er möchte wohl dem Vorwurf einer heidnischen Terminologie aus dem Wege gehen.
7 „Mens aeterna“, s. dazu Weisheit S. 82 und besonders Anm. 2.




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Gottes Macht
Wechsel der Elemente; dieser Geist leitet, regiert und führt
schließlich alle Dinge, seien sie oben am Himmel oder unten auf
der Erde, ihrer Bestimmung zu.
Glaubst du vielleicht, Zufall oder Glücksgöttin Fortuna herr-
schten in diesem wunderbaren Weltall? Oder denkst du, die
menschlichen Geschicke würden durch einen gedankenlosen und
blinden Anstoß bewegt und verwirrt?
Ich weiß ja, du denkst nicht so; und außer dir auch kein anderer,
der auch nur ein Fünkchen - ich will nicht sagen Weisheit - aber
doch gesunden Menschenverstand hat. Denn es ist die Stimme
der Natur, unserer Natur, die uns sagt: Wohin auch immer du
Augen und Verstand wendest, Sterbliches und Unsterbliches, in
der Luft und auf der Erde, Beseeltes und Unbeseeltes - alles ruft
hell und klar und verkündet, dass es etwas gibt, jenseits unserer
Kraft, das dies so Wunderbare und Großartige, dies so Vielfälti-
ge geschaffen und gemacht hat. Und das Geschaffene und Ge-
machte lenkt und bewahrt der Schöpfer. Der aber ist Gott, des-
sen höchstem und vollkommenstem Wesen nichts mehr ent-
spricht, als dass er für sein Werk Sorge tragen und es beschützen
will und dies auch vermag.
Warum sollte er nicht wollen? Er ist doch der Beste.
Warum sollte er nicht können? Er ist doch der Größte. Es gibt
keine Mächte über ihm, so dass es keine Macht gibt, außer von
ihm.
Die Größe und Verschiedenheit der Dinge bereitet ihm keine
Probleme und macht ihm keine Mühe. Denn sein ewiges Licht
streut seine Strahlen nach allen Seiten hin, und, wenn ich so
sagen darf, in einem einzigen Augenblick durchdringt es alle
Windungen und Abgründe des Himmels, der Erde und des Mee-
res. Diese Göttlichkeit ist nicht nur über den Dingen, sondern
zwischen ihnen, ja sogar in ihnen.
Was verwundern wir uns? Einen wie großen Teil der Welt kann
die Sonne mit einem Mal erleuchten und erhellen? Welche Men-
ge von Dingen erfasst dagegen unser Verstand mit einem
einzigen Gedanken, einer einzigen Wahrnehmung? Wir Narren,
müssen wir nicht davon ausgehen, dass der noch viel mehr
schauen und erkennen kann, der diese Sonne, der diesen Ver-
stand erschaffen und gemacht hat?
Aristoteles, der sich sonst selten über göttliche Dinge äußert,
bemerkt dazu in vorzüglicher oder gar gotterfüllter Weise: ‘Was
der Steuermann auf einem Schiff ist, der Wagenlenker auf einem
Gespann, der Führer in einem antiken Chor,8 das Gesetz in der
Stadt, der Feldherr im Heer - das ist in der Welt Gott. Nur mit
dem feinen Unterschied, dass jenen ihr Regiment Angst und


8 Lipsius übersetzt das griechische „korufaios“ mit „praecentor“; ev. nach Cicero,
de fin. 2.94 „praecentare“ (vortragen).




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Providentia -
Vorsehung
Mühe bereitet. Gott aber ist frei von Qual und Mühe und fern
jeder körperlichen Anstrengung.’
9
In Gott, Lipsius, nun ist, war und wird für alle Zeit sein: eine
stets wachende und immer währende Fürsorge. (Es ist zwar eine
Sorge, und dennoch ist sie ohne Sorge.) Durch sie sieht er alle
Dinge an, er nähert sich ihnen und erkennt sie. Das Erkannte
lenkt und regiert er dann durch eine Ursachenkette, die unverän-
derlich ist und uns verborgen bleibt. Das ist es aber, was ich hier
die Vorsehung nenne.
Über sie mag mancher aus Schwäche klagen, erforschen kann
sie niemand. Sollte es einer versuchen, müsste er den Verstand
verloren haben und völlig taub und gefühllos gegenüber Stimme
und Empfindung der Natur sein.

9 Lipsius setzt dieses längere Zitat (Pseudo-Aristoteles, de mundo 400b7-12) zunächst
im griechischen Original, um ihm dann eine für seine damalige Leserschaft leichter
verständliche lateinische Übersetzung folgen zu lassen. S. hierzu Weisheit S. 84f.
und besonders Anm. 10.