Kapitel: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21 | 22 |
Seite (im Original): C 1.12.37 | C 1.12.38 |


Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.12.C 1.12.37















Mitleid
(Miseratio)


























Def. Mitleid
Der dritte Affekt, das Mitleid (Miseratio),
wird ins rechte Licht gerückt.
Dieses zählt zu den Lastern und wird der Klarheit wegen
von der Barmherzigkeit (Misericordia) unterschieden.
Wie und wieweit man sich letzterer befleißigen soll,
wird ebenfalls ausgeführt.1


Mir schien, als habe Langius mit seinen Ausführungen
einen Nebelschleier, der meinen Geist umhüllte, vertrie-
ben. So sagte ich zu ihm: „Mit Ermahnung und Belehrung
bringst du mich ein weites Stück voran, guter Alter. Soweit sich
der Affekt auf Heimat und Staat bezieht, glaube ich, ihn beherr-
schen zu können; aber insofern es um das Leid der Menschen
selbst geht, bin ich noch nicht so weit, Stärke zeigen zu können.
Denn wie sollte mich das Unglück meines Vaterlandes, das doch
meine Mitbürger und Landsleute trifft, nicht berühren und quä-
len? Sie werden doch von den Fluten der Drangsal hin und her
geworfen oder gehen an so manchen Schicksalsschlägen elendig
zugrunde.“
Langius griff die Bemerkung auf und entgegnete: „Aber das ist
eigentlich kein richtiger Schmerz, Lipsius, sondern bloßes Mit-
leid, das der Weise und im Geist Starke weit von sich weisen
muss. Denn ihm kommt nichts mehr zugute als Festigkeit und
Kraft des Geistes. Diese aber können gar nicht zur Wirkung ge-
langen, wenn ihn nicht nur die Trauer über sein eigenes, sondern
auch über fremdes Schicksal grämt und in seiner Handlungsfäh-
igkeit einschränkt.“
Hier unterbrach ich Langius’ Rede und sprach: „Was sollen die-
se stoischen Spitzfindigkeiten? Du verbietest mir, Mitleid mit
einem anderen zu haben? Das ist doch eine gute Charaktereigen-
schaft, und sie wird auch von aufrichtigen Menschen, aber mit
Sicherheit doch von uns dafür gehalten, die wir in der Gnade der
wahren Religion und des wahren Glaubens stehen.“2
Langius entgegnete darauf mit Bestimmtheit: „Jawohl, ich ver-
biete es! Und es wird mir kein rechtschaffener Mensch übel neh-
men, wenn ich diese Geisteskrankheit beseitige. Denn es ist
tatsächlich eine Krankheit. Und der, der einen anderen bemitlei-
det, ist nicht weit davon entfernt, selbst bemitleidenswert zu
sein. Schlechte und kranke Augen beginnen beim Anblick eines
anderen, dessen Augen triefen, bekanntlich ebenfalls zu tränen.
So ist es auch Ausdruck eines schwachen Geistes, wenn einer -
im Angesicht des Leids - selbst vor Leid vergeht.
So soll das Mitleid definiert sein: als Mangelerscheinung eines

1 Zur Behandlung dieser Problematik s. Weisheit S. 79ff.
2 Hier setzt Lipsius die Pietas einmal in den direkten Zusammenhang zur christlichen
Religion: „certe apud nos, qui vera religione imbuti et pietate.“
Vgl. oben Kapitel 11 und Weisheit S. 76ff. zur Pietas in der POLITICA des Lipsius.




1.12.C 1.12.38







Barmherzigkeit



Definition














Der Misericors













Weisheit
schwachen und minderwertigen Geistes, der beim Anblick frem-
den Übels zusammenbricht.
Was denkst du nun? Sind wir etwa verhärtet und gefühllos,
wenn wir es ablehnen, von fremdem Leid angerührt oder ge-
beugt zu werden? Keineswegs, ja Rührung ist sogar erwünscht;
aber nur, wenn sie zum Helfen rührt und nicht zum Heulen: Die
Barm-
herzigkeit gestehe ich dir zu, nicht das Mitleid. Sie näher zu
bestimmen ist jetzt angebracht, ebenso, aus Gründen des Unter-
richts, in der Terminologie ein wenig unsere stoische Säulenhal-
le zu verlassen.3
So nenne ich die Barmherzigkeit die Hinwendung des Geistes
zur Linderung fremder Not und Trauer. Das, Lipsius, ist die
Vorzüglichkeit eines guten Charakters, die du wie durch einen
Schleier wahrnimmst und an deren Stelle du der Fiktion des Mit-
leids erlegen bist.
Zwar ist es menschlich, kummervoll Klage zu führen. Sei’s
drum. Es ist dennoch nicht richtig! Du glaubst doch nicht etwa,
dass irgendeine Tugend in der Schwäche und Verweichlichung
des Geistes liegt, wenn du stöhnst und seufzt und Gestammel
und Geschluchze4 mit dem Leidenden austauschst? Da gingst du
weit in die Irre.
Andernfalls kann ich dir einige habsüchtige alte Weiber und
knauserige Euclionen5 bringen; aus deren Augen hättest du
schneller tausend Tränen gedrückt, als dass du ihnen einen Pfen-
nig aus der Tasche6 lockst.
Der Barmherzige, wie er unserer Idealvorstellung entspricht,
wird sich jedenfalls nicht in Mitleid ergehen, sondern weit mehr
zu Wege bringen, als es dem Mitleidigen je möglich ist.
Der Misericors sieht das Unglück der anderen zwar mit mensch-
lichen Augen, aber dennoch mit klarem Blick. Er wird ihnen mit
aufmunterndem Lächeln Mut zusprechen, aber doch nicht mit
einer verzagten Trauermiene. Er wird tapfer wie ein aufrechter
Mann Trost spenden und freimütig Hilfe leisten. Er wird als
Handelnder mehr Gutes tun als ein Zuschauer mit Schwätzen. Er
wird den Bedürftigen und Leidenden eher die Hand reichen als
Worte. Doch dies alles wird er mit Vorsicht und Weitsicht ver-
richten, damit er sich nicht durch den Kontakt mit der Krankheit
selbst infiziert, damit er sich nicht, wie es von Gladiatoren heißt,
durch die Brust des anderen selbst töte.
Was ist daran unmenschlich und hart? So verhält es sich mit
allem, was der Weisheit entspricht: Wenn man von ferne darauf
schaut, erscheint es streng und finster, geht man aber etwas nä-
her heran, erkennt man, dass es sanft und milde ist. Lieblicher
und freundlicher kann selbst Venus, die Göttin der Liebe, nicht
sein.
Aber damit soll es genug sein von diesen drei Affekten. Wenn
ich sie dir zum Teil wenigstens verscheucht habe, wird mir das
für den übrigen Kampf von großem Nutzen sein.

3 Zur unterschiedlichen Terminologie von Miseratio und Misericordia bei Stoa und
Lipsius s. Weisheit S. 79f.
4 „verba fracta et tertiata“.
5 „Eucliones“, Viritius „Drückepfennige“.
6 „unum e bulga nummum“.