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Von der Geistesstärke

Die CONSTANTIA des Justus Lipsius

Buch 1


1.1.C 1.1.17












Langius Mensch-

lichkeit und Güte
Vorwort und Einführung.
Eine Klage über die Unruhen in Belgien1


Als ich vor einigen Jahren unterwegs nach Wien in Öster-
reich war - ich wollte den Wirren meiner Heimat entflie-
hen
-, wich ich, wohl aufgrund göttlicher Fügung, von meiner Route
ab und wandte mich nach Lüttich.
Die Stadt lag nicht weit vom Weg, und dort hatte ich Freunde,
die zu besuchen mich Anstand wie auch liebevolle Zuneigung
bewogen. Unter ihnen befand sich auch Carolus Langius, ein
Mann - wie ich ohne Speichelleckerei und Anmaßung sagen
kann
- von äußerster charakterlicher Größe und belesener Gelehrsam-
keit.
Als der mich in sein gastliches Haus aufnahm, hat er die Dinge,
die mich beunruhigten, ins rechte Maß gerückt, und zwar nicht
nur mit seiner ganzen freundlichen Heiterkeit und seinem Wohl-
wollen, sondern auch durch Gespräche, die mir für alle Zeit
nützlich, ja heilsam sein werden. Denn er war der Mann, der mir
die Augen öffnete und den Schleier vieler Stammtischparolen
vertrieb, der mir den Weg zeigte, auf dem ich ohne Umschweife
- um es mit Lukrez zu sagen - ‘durch Unterweisung zu den
emporragenden hellen Tempeln der Weisen gelangte’
. Denn als
wir nach Mittag wegen der Gluthitze - es war ja schon Ende Juni
- in

1 Vir. „Unglück des Niederlandes“.




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das Atrium seines Hauses gingen, fragte er beiläufig in seiner
freundlich gewinnenden Art nach meinen Reiseabsichten und ih-
ren Gründen. Nachdem ich ihm von den Unruhen in Belgien, der
Unverschämtheit der Machthaber und Militärs zahlreiche Bei-
spiele offen und ehrlich genannt hatte, fügte ich schließlich an,
dies sei die eigentliche Ursache meines Abschieds, sollte ich
auch eine andere vorgeschützt haben.
„Denn wer, Langius“, fragte ich, „ist so stark und eisern, dass er
länger den Übeln, die wir jetzt ertragen müssen, die Stirn bietet?
Wie du siehst, werden wir nun schon so viele Jahre hindurch
von der Wut der Bürgerkriege erschüttert und, wie auf einem to-
senden Meer, von zahlreichen Stürmen der Unruhen und Auf-
stände hin und her geworfen. Muße soll mein Herz finden und
Ruhe? Die Trompeten des Krieges und das Getöse der Waffen
wissen es zu verhindern. Suche ich Zuflucht in den Gärten und
auf dem Land? Irgendein Soldat oder Messerstecher treibt mich
schon in eine Stadt. Daher, Langius, ist es mein fester Ent-
schluss, dieses unruhige und unheilvolle Belgien zu verlassen -
der Schutzgeist des Vaterlandes2 mag mir verzeihen - und mein
Land mit einem anderen zu tauschen, um, wie jener da sagt, ‘bis
ans Ende der Welt zu fliehen, wo ich weder von den Taten der
Nachkommen des Pelops3 noch ihre Namen höre.’“

Langius erwiderte darauf verwundert und irgendwie ermuntert:
„So, Lipsius, willst du von uns gehen?“ „Ja“, versetzte ich, „von
euch oder sonst ganz aus diesem Leben. Denn welche Rettung
gibt es aus dieser vermaledeiten Drangsal außer in der Flucht?
Denn ich kann das nicht täglich sehen und auch noch ertragen,
Langius, und ich trage auch keinen Stahl4 um mein Herz.“
Auf diese Rede hin seufzte Langius: „Schwacher Jüngling, was
soll diese Weichheit? Warum willst du dein Heil in der Flucht
suchen? Ich gebe zu, dein Vaterland brodelt und brennt. Aber
wo tut es das nicht, heute in Europa? Wie leicht kannst du mit
jenem Ausspruch des Aristophanes prophezeien: ‘Du aus der
Höhe donnernder Jupiter wirst das obere zu unterst kehren!’

Daher darfst du nicht aus deinem Vaterland fliehen, Lipsius,
sondern musst deine Affekte beherrschen; und so gilt es, den
Geist zu stärken und auszubilden, damit wir ruhig sind mitten im
Aufruhr und innerlich ausgeglichen zwischen allen Waffen.“
Darauf antwortete ich als junger Mann noch reichlich unerfah-
ren: „Doch, Langius, man muss die Heimat verlassen. Denn si-
cherlich ängstigen uns Übel, von denen wir in der Ferne hören,
weniger stark als die, die wir mit eigenen Augen erblicken, und
so werden wir uns selbst der Reichweite der Geschosse entzie-
hen und weit weg vom Pulver dieses Kampfes sein. Hörst du
nicht, wie Homer klug zurät: ‘Weg von dem Geschützdonner,
damit der Wunde keine neue hinzugefügt wird’?“


2 „Genius patriae“.
3 Das Geschlecht des Pelops (Sohn des Tantalos) steht hier synonym für Mord und Totschlag.
4 „Chalybs“.